Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- Jüdische Illusionen
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 408 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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408 MENORAH derwerfende Alach! glaubt wie die Kirche au ihr Dogma, hat das Judentum immer an das ewig Illusionen zeugende Leben geglaubt. Und ich meine, daß das wirkliche Lehen eigentlich erst da anfängt, wo das Denken und die Phantasie des Menschen sich .berühren, das hei 131, wo die Illusionen in die Blickwelt des menschlichen Wesens treten. Eigentlich ist es ja merkwürdig, daß der Jude eine so illnsionsfreudige Geschichte gehabt hat und noch immer hat; denn es unterliegt keinem Zweifel, daß die reine Religion Israels eine relativ illusioiisarme Religion zu nennen ist. Die beherrschenden Begriffe der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Wahrheit und die geringfügige Dosis an eigentlicher 'Gläubigkeit, die dem jüdischen Leben beigegeben ist, könnten zu der Annahme verführen, daß in solchem Räume für die lebendig atmende, hoffende und sehnende Seele nicht viel Platz zur Ausdehnung sei. Und doch hat die Phantasie des Juden nicht bloß gewöhnliche, sondern ungeheure Maße angenommen, und man kann die Gründe aufzeigen, warum es so und nicht anders in der Welt des Juden sein konnte. Was diesem Juden das Gesetz und die Forderung dieses Gesetzes nicht oder nur teilweise gab, das reichte ihm mit segenspendenden Händen eine Geschichte, die an irdischen Gütern dieser Welt unendlich arm, aber ebenso unendlich reich an einem war: an Verzichten. Es ist nicht notwendig, diese Geschichte mit ihrer Verbannung, ihrer Verfolgung und ihrem Elend aufzuzeigen, man braucht nur einen Blick in das allgemeine Menschenleben und seine Erfahrungen zu werfen, um zu erkennen, was für eine Bedeutung und was für Folgen es hat, wenn dem Menschen und gar einer großen Gemeinschaft durch Jahrhunderte hindurch das Gefühl des Sattseins fehlt. Da beginnt nicht bloß die Phantasie zu blühen und unter Umständen sogar zu wuchern, sondern da breitet sich die Einbildungskraft mit unendlich umfangender Liebe aus und vermag eine ganze Welt an ihre Brust zu reißen. Vor einigen Jahren spielte hier in Berlin das bekannte Moskauer jüdische Künstlertheater ein Stück des ostjüdischen Schriftstellers Mendele Mochersforim: ,,Die Reise Benjamins". Dieses Stück war ein ergreifendes Symbol unserer Geschichte. Es schildert die Geschichte des armen hungernden Juden, der geplagt von seiner Frau und gedrängt durch Nöte des Lebens das Land seiner Selmsucht mit der Seele sucht und sich eines schönen Tages aufmacht, den Weg nach Jerusalem zu finden. Wie er an den ersten Teich kommt, hält er ihn schon für das große Meer, und das nächste Dorf, das größer ist als sein eigenes, erscheint seinen illusionsgeladenen Augen als die große Stadt Stambul, von der es nicht mehr weit ist zum Ziele seiner Sehnsucht. Am Ende der Geschichte ist er