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Menorah · 1932-09-01 · Heft 9-10 (September 1932) · p. Seite 410

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 9-10 (September 1932)
Article
Jüdische Illusionen
Date
1932-09-01
Page
Seite 410 (sequence 5)
Language
German
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410 MENORAH dige Leben bedeutet. Scheltet die alten Bräuche nicht, verachtet nicht die alten Bindungen des Hauses und der Familie, glaubt nicht, daß das Lächeln pietätvollen Erinnerns allein genüge, sondern glaubt an eben diese erweckende Macht, die unsere Jahrtausende gespeist und gelragen hat. Dann wird euch auch das arme Leben erträglich erscheinen, dann werdet ihr es auf eine ganz andere Weise anzupacken lernen als jene Jungen es anzupacken wähnen, die sich kein X für ein U vormachen lassen und restlos desülusioniert wähnen, daß die technische Neugestaltung der Wirtschaftsordnung allein das Glück der Millionen bringen wird. Gestaltet neu, denn neugestaltet muß werden; aber denkt, daß ihr Menschen seid und daß von euch als Menschen, als Judenmenschen ein liebendes Herz verlangt wird und glaubt daran, daß nach zwei Jahrzehnten des Hasses und der Zerstörung die neue Welt nicht nur eine wirtschaftlich geregelte, sondern auch eine liebeerfüllte Welt sein und bleiben soll. Eine schöne Legende wird uns vom Baalschem erzählt. Eines Tages wurde ein Kind krank. Da nahm der Baalschem eine Kerze, ging in den Wald, entzündete die Kerze und sprach ein inbrünstiges Gebet für das Leben des Kindes. Und das Kind wurde gesund. Viele Jahre später erlebte es der Schüler des Baalschem, der große Maggid, daß auch in seiner Umgebung ein Mensch erkrankte. Er erinnerte sich, was der Meister getan, ging mit einer Kerze in den Wald und entzündete die Kerze. Da er aber sich des Wortlauts jenes Gebetes nicht mehr entsinnen konnte, betete er nicht mehr. Aber siehe da, der Mensch gen aß auch ohne Gebet. Ein Schüler des großen Maggids hat dann wieder viele Jahre später zum dritten Male das gleiche erlebt. Er ging nicht mehr mit der Kerze in den Wald und selbstverständlich betete er auch nicht mehr, sondern er setzte sich an das Bett des Kranken und erzählte einfach die Geschichte vom Baalschem und von seinem Lehrer, dem großen Maggid. Und der Kranke genaß. Diese Legende faßt noch einmal wie in einem Brennpunkte das Geheimnis des Illusionierens zusammen und offenbart es in strahlendem Licht. Obgleich alle drei großen Meister in verschiedener Entfernung vom Urquell alles Seins und Erlebens saßen, vermochten sie doch alle das gleiche Wunder zu tun, der erste aus der unmittelbaren Kraft des Gebets, der zweite aus der treuen Nachübung eines einmal geübten Brauchs und der dritte aus der liebenden Erinnerung allein. Alle drei aber hätten nicht vermocht, was sie verwirklicht haben, wenn ihnen nicht zur Seite gestanden hätte die große Kraft der Illusion.

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