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Menorah · 1932-09-01 · Heft 9-10 (September 1932) · p. Seite 404

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 9-10 (September 1932)
Article
In der Magnolienstraße
Date
1932-09-01
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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404 MENORÄH war, vom selben Vater und von derselben Mutter. Sie konnte wohl einem armen Manne, ob er nun Christ oder Jude war, ihr letztes Stückchen gebratenen Fisch geben, das sie für sich selbst zurückgelegt hatte — wenn sie auch noch so hungrig war. Aber sie konnte es nicht über sich gewinnen, Jemanden um Etwas zu bitten— nicht einmal Adolf, obwohl der doch reich genug war, alle Fische im Lomond-See auf einmal fangen und braten zu lassen, wenn er sie für seine Gaste brauchte. .Jetzt über — waren die Dinge wirklich schlimm und schlimmer geworden, mit allen den Streiks und Aussperrungen im Tischlergewerbe. Also biß sie sich auf die Lippen und setzte sich an die Nähmaschine, die damals grade zufällig nicht verpfändet war, und schrieb an Onkel Adolf. Und dann weinte sie, weil sie sich so schämte. „Mutterle", fragte die kleine Jenny, „warum weinst Du denn?" ,,Ich weine ja garnicht!" sagte Frau Seipel. „Aber Du weinst ja doch!'4 Jenny blieb bei ihrer Meinung — und ihr eignes Mündchen begann zu zittern. ..Soo? hab ich wirklich geweint? — doch, ja, Du hast Recht!14 bekannte Frau Seipel. „Aber weißt Du denn nicht warum? hab ich Dirs nicht erzählt, Jenny? Nächste Woche hab ich Jahrzeit um ineine arme Mutter, sie ruhe in Frieden! Sie ist so jung gestorben — da muß ich immer weinen!44 Aber Jenny war nicht überzeugt davon. Und dann kam vier Wochen später wirklich ein Brief von Onkel Adolf. Er hatte fast in derselben Minute geschrieben, da er den Brief seiner Schwester erhalten hatte; da konnte man schon sehen, was das für ein Mann war. Reines Gold. Jeder andre Bruder, der nur ein Zehntel von dem Geschäft hatte, über das Adolf verfügte, würde die Schwester Monate lang auf Antwort haben warten lassen, bevor er sich zu einer Antwort bequemte. Freilich war kein Geld in seinem Brief. Aber eigentlich war der Brief noch viel schöner als wenn er fünf Hundert Dollar Noten enthalten hätte - wenn sie auch noch so blank und frisch ausgesehen hätten und wenn man sie auch noch so gut zum Ankaufe von Stiefeln hätte verwenden können. Es war ein herrlicher Brief. Onkel Adolf ließ Hanna, seine Schwester, wissen, wie lieb er sie habe, und Ruhen, seinen Schwager, und Jenny, seine Nichte, und Sam, Eli und Berel, seine Neffen, und den alten Reh Feiwel, seinen Großvater, der bei ihnen wohnte. Er liebte sie alle. Und in ganz kurzer Zeit — so hoffte er — würde er ihnen das Geld für alle Schiffskarten und für die Ausstattung dazu schicken: es war so sicher, als ob es schon auf dem Kaminsims bei ihnen läge.

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