Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- In der Magnolienstraße
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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IN DER MAGNOLIENSTRASSE 403 kleinen Frau und der schlimnieii Nachricht, die sicher schon auf dem Weg zu ihr war. Die kleine Frau Seipel schüttelte den Kopf. „Hose - Rose!" seufzte sie. \Jas Haus Nummer Neunzehn, wo die Seipels lebten, war von einer Glorie umflossen. Wenn die Vorder!ür sich öiVnete, drang geisterhafte Musik an dein inneres Ohr. „Onkel Adolf", so hieß die (ilorie, so klangen die Töne jener geheimnisvollen Musik. Ein Fremder, der an jenem Mai morgen uu der Eingangstür vorüberging, mochte vielleicht gar nicht ahnen, was für eine Bewandtnis es mit diesem Hause auf sich hatte. Er mochte vielleicht nichts von Onkel Adolf wissen, dem berühmlen Geschäftsmann in New York. Wenn er Frau Seipel sah, mochte er nicht ahnen, daß sie einen so außerordentlichen Bruder halte. Und wenn er Herrn Seipel ein paar Minuten früher aus seinem armseligen kleinen Tischlcrladen hätte kommen sehn, so hätte er sich vielleicht auch nicht grade versucht gefühlt, ihm einen so himmlischen Schwager zuzuschreiben. Himmlisch......solche Worte mußte man gebrauchen, wenn man von Onkel Adolf sprach. In gewissem Sinne gehörte er wirklich mehr dem Himmel als der Erde —- und die Engel belästigt man auch nicht mit Klagen darüber, daß die Kinder neue Stiefel brauchen und daß das Tischlergeschäft in den letzten Monaten so schlecht gegangen ist, daß man die Nähmaschine versetzen mußle. Natürlich wußte Onkel Adolf ganz gut, daß seine Schwester in der Magnolienstraße nicht im Überfluß lebte. Schon mehrere Male hatte er versprochen, einen riesenhaften Dollar-Scheck herüber zu schicken, damit sie ihre Schulden bezahlen und das Billett nach New York lösen könnten. Aber diesmal wars ganz gewiß. So stand es in dem Brief, den sie bekommen hatten. Aber wenn Onkel Adolf nur gewußt hätte, wie schwer es manchmal war, das Geld für Bulter aufzutreiben —- wo doch Frau Seipel garnichfs von Margarine hielt! — dann würde er sicherlich ein paar Dollar herübergeschickt haben — nur als Handgeld. Darüber konnte gar kein Zweifel sein. Andrerseits: wie konnte man erwarten, daß ein so vielbescliäftigter Geschäftsmann grade an ein Pfund Buller oder an ein neues Paar Stiefel für die kleine Jenny hätle denken sollen? Und darum hatte Frau Seipel einmal, als seit Monaten die schlimmste Not herrschte, das Welter immer kälter statt wärmer wurde und keine Schaufel voll Kohlen im Hause war, ■ — da hatte sie es über sich gebracht, ihm einen Brief zu schreiben. Es war ihr grüßlich - obwohl er doch ihr leiblicher Bruder