Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- In der Magnolienstraße
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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400 M ENORAH säubern Küche unter ihren Zinntellern und Leuchtern saß. Oder vielleicht zerschnitt sie grade den Ingwer in Würfel, den sie hernach in ihrem kleinen Wohnzimmer verkaufte. Sie summte vor sich hin wie der Teekessel am Feuer. Ihr Gesicht war rosig wie bei einer Puppe. Aber ihr Summen verstummte, als der Husten langsam aus der Lunge herauf stieg. Jetzt hatte sie ausgehustet. Da fing sie wieder an zu summen, nur die Augen glänzten vielleicht ein wenig heller als vorher. „Rose Bermann! Oh — Rose Bermann!4 empörte sich Frau Seipel innerlich. „Wie konntest Du bloß so grausam zu Deiner armen Mutter sein! Und dabei warst Du immer so liebevoll zu ihr! Oh Rose, Rose'/' „Ein Goi aus unsrer Straße!*' wiederholte Frau Poyser. Fast schien es, man hätte es leichter ertragen können, wäre es in irgend einer andern Straße passiert. „Was?" fragte Frau Billig, die zuletzt gekommen war. ..In dieser Straße wohnt er? Welche Nummer?44 Frau Rill ig fragte nicht nur aus Neugier. Denn es war ihre Pflicht, alle Einzelheilen über jüdische Mädel und jüdische Jungens in Erfahrung zu bringen und dann ihrem Ehegemahl, dem guten Herrn Billig, zu übermitteln. Denn Herr Billig brachte Hochzeiten zu stände. Es gab Leute, die ihn grade heraus einen Heiratsvermittler nannten. Aber das stimmte nicht. Er brachte die jungen Leute zusammen, weil es ihm Freude machte, sie glücklich zu sehen — nicht nur weil er von beiden Seiten den Auftrag dazu bekommen hatte. Dann glitzerten seine blauen Augen vor Freude. Er brummte behaglich, strich sich den Bauch und sagte „Ram-bam-bam!" „Was kümmerts mich, wers ist?44 und Frau Edelmann drehte sich knapp auf dem Absatz herum, daß mans krachen hörte. „Goi bleibt Goi!" Sie hatte selbst zwei Söhne. Sie wußte: eher würde der Mond in Flammen aufgehen wie ein Zeitimgsblatt — ehe Jemand von ihnen sagen könnte, er habe Einen von ihnen mit einem Christenmädel spazieren gesehen. „Freilich, freilich! ganz Ihrer Ansicht, Frau Schulmann!" säuselte Frau Billig. „So etwas würde der liebe Himmel nicht wollen. Ein kleiner Junge — und einen langen Marsch hat er auch gemacht! — Nein, Frau Seipel: solch ein kleiner Kerl wie Ihr Sani sollte lieber nicht so wTcit marschieren. Dann wird er müde und sieht Dinge, die nicht da sind.44 Frau Seipel ließ den Kopf hängen. Jetzt fing sie an zu glauben, es wäre wirklich alles ihre Schuld. Sie hätte Sam gestern Nachmittag zu Hause hallen sollen, damit er den Wocheiiabschnitt aus dem Pentateuch lernte — da hätte er mehr davon gehabt. Verlegen guckte sie nach rechts und nach links. Die andern Frauen schienen sie tadelnd anzu-