Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- In der Magnolienstraße
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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IN DER MAGNOLIENSTRASSE 399 Frau Seipel stand heut Morgen nicht eben liocli im Anselm bei den Nachbarinnen. Man hätte beinahe glauben können, sie habe gar keinen reichen Bruder Adolf in New York - so scheel guckte sie jeder an. Die kleine Frau war unglücklich drüber. Sie kam auf den Gedanken, ob nicht alles irgendwie ihre Schuld sei. Denn sie hatte dem kleinen Sam keine Ohrfeige gegeben. Aber man muß bedenken, sie war ja niemals unfreundlich zu irgend Jemandem, nicht mal zu den eignen Kindern. Aber nun beschloß sie innerlich: wenn ihr Sam noch mal erzählte, er habe ein Judenmädel mit einem Christen spazieren gehen sehen — dann wollte sies ihm aber zeigen! „Vielleicht hat er sie gar nicht gesehen!*' fing sie .schüchtern an. Aber Frau Poyser hatte unterdessen sich schon ganz zur andern Partei geschlagen. „Nein — - er hat sie gesehen! Warum sollte er sonst so was erzählen?" „Gott wirds nicht zulassen!" warf hier menschenfreundlich Frau Emanuel ein, die Gattin des Sekretärs am Jüdischen Vormundschafts- Amt. „Was?!" schnappte .da Frau Schulmann ein. Sie war die Gattin des Rabbi, der zwei Häuser weiter, in Nummer Fünf wohnte. Sie betrachtete den lieben Gott als ihres Mannes Domäne; Frau Emanuel hatte gar kein Recht zu entscheiden, was Gott tun wollte oder nicht tun wollte. „Wenn Gott etwas will, dann geschieht es!" verkündete sie. Darüber ließ sich nicht streiten. „Aber so etwas würde Gott niemals wollen - nein, niemals!" schloß sie nachdrücklich. Eine halbe Minute herrschte Schweigen. Ein Pfund Reis glitt aus Frau Poysers Schaufel in die Tüte, Korn nach Korn, bis zum letzten Körnchen. Frau Seipcl spielte verlegen mit den Henkeln an ihrer Ein - hol-Tasche. Ihr Auge wanderte zu den im Fenster zur linken Hand aufgehäuften Waren. Zwischen den Pyramiden von Büchsen mit Räucherlachs und den Bergen von Broten entdeckte sie plötzlich einen jungen Mann, der die Stufen bei Nummer Sechs heraufstieg. Da war er ja! der junge Mann, den ihr Sam mit Rose Rernuum gestern zusammen gesehen haben wollte. Man sagte, er würde später einmal Schilfskapitän werden. Er hieß John Gooper, Da ging er —- und wiegte sich fast unmerklich in Schultern und Hüften, als ob das Pflaster in der Magnolienstraße schwankte. Jetzt sah man sein gebräuntes, scharf geschnittenes Gesicht. Ein schöner Junge . . . Frau Seipel wandte sich ab und errötete bis zu den Haarwurzeln. Auf einmal sah sie deutlich Rose Bermanns Mutter vor sich, wie sie im nächsten Hause schon, nur ein paar Ellen entfernt in ihrer peinlich