Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- In der Magnolienstraße
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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398 MENORAH Ja es war geradezu ein aufregender Brief. Sie selbst, und ihr Maiin, und der Großvater und die Kinder — sie alle hatten eigentlich gleich heut an fangen können mit Einpacken zur Reise nach New York. - Aber die Neuigkeit, die sie heut mit zu Frau Poysers Laden brachte, die war auch aufregend, im Augenblick sogar noch aufregender. Sie vergaß darüber, den Frauen von Adolfs Briet' zu erzählen; und die Andern vergaßen, sie zu fragen, oh sie schon wieder von Adolf gehört hätte. Sie erzählte, was sie zu erzählen hatte. Dann rang sie die Hände. „Ist das zu glauben?'' fragte sie kläglichen Tones. Soviel war klar: sie seihst wollte es durchaus nicht glauben. Frau Poyser zögerte noch mit dem Urteil. Mit festen Stößen klopfte sie ein Stück Butter glatt, das auf der Waage lag. Die andern Frauen besprachen die Sache untereinander, Ärger und Ungläubigkeit im Gesicht. Da ging die Türglocke. Die alle Frau Edelmann kam. „Guten Morgen!" sagte sie. „Guten Morgen!" antworteten die Anderen. „Nein es ist nicht wahr!" entschied jetzt Frau Poyser. „Was ist nicht wahr?" fragte die alte Frau Edelmann. „Nichts! nichts!" meinte F>au Seipel hastig. So was konnte man doch der alten Frau Edelmann nicht erzählen! „Der kleine Seipel hat erzählt, er habe gestern Rose Bermann getroffen, wie sie mit einem Goi spazieren ging!" berichtete Frau Poyser kühl. Dann färbten sich ihre vorspringenden Backenknochen plötzlich grell rot. „Hoffentlich habt Ihr ihm tüchtig eine runtergehauen, daß er nicht mehr solche Lügereien erzählt!** „Eine jüdische Tochter? Mit einem Goi? Gestern? A b e r d a w a r ja doch Schabbes!" sagte die alte Frau Edelmann schwer und schneidend. Man nannte sie alt, obwohl sie höchstens vierzig Jahre alt war. Ihr Haar war grau, ihr Kinn war hart. Sie sah älter aus als viele Frauen, die in Wirklichkeit zwanzig Jahre älter waren als sie. „Ein jüdisches Mädel —- noch dazu aus unsrer Straße!" fügte F'rau Poyser hinzu, als ob es der Gipfel der Schamlosigkeit sei, daß das Mädel aus Frau Poysers Straße stammte. „Rose Bermann wars!" meldete Frau Seipel eilig. Schließlich gehörte ja doch die Neuigkeit ihr und keiner Andern. Ihr Junge, ihr Sam, hatte sie ja doch zusammen spazieren gehen sehen in einem Park in Süd-Doomington. „Und ein Goi aus unsrer Straße!" ergänzte Frau Poyser. „Ist das zu glauben?!" Sie blickte auf Frau Seipel, als ob sie sagen wollte, das müsse einer alles böswillig erlogen und erfunden haben.