Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- Isaak Pinieff
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 382 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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382 MENORAH Leider -weitaus nicht alle. Die große Mehrheit will eine Organisation haben, die den Mitgliedern kurze Arbeitszeit und hohe Löhne erkämpft, sonst nichts. Ich aber und gar viele mit mir wollen noch etwas. Pinie f f: Was ist das? Lunin: Ein wenig Seele. P i n i e 1 f: Seele . . . L u ii in: Haben Sie mich verslanden? Pinie ff: Ja. Lunin: Ich wußte — Sie werden mich verstehen. Die Organisation sollte nicht nur eine Kampfmaschine für Löhne und Arbeitszeit sein, *sondern auch Erzieherin, Entwicklerin. Sie sollte den Arbeiter zum Kampfer für eine bessere und gerechtere Well erziehen. Das ist die Seele, die ich meine. Haben Sie mich verstunden? P i n i e f f (streckt ihm die Hand eirlcjcfjcn). Lunin: Das freut mich wirklich. Bei der Gelegenheit möchte ich Sie um noch etwas bitten. Pinie ff: Tun Sic es, Bruder! L u n i n: Ich weiß wohl — Ihnen allein müßte ich das nicht sagen. Aber Sie sind ja nicht allein. Die Gewerkschalt wird reorganisiert werden ... es wird eine neue Exekutive gewühlt werden . . . ein Obmann, ein Kassier, ein Schriftführer und so weiter, mit einem Wort, die Beamten. Sehen Sie dazu, daß sie alle Kameraden bleiben, Brüder, denen die Organisation ein Amt anvertraut hat, aber nicht große Herren, die befehlen, — nicht: die Organisation bin ich! Die Arbeiter sind nichts anderes als Mitgliedsbuch und Organisationsbeilrag! Haben Sie mich verstanden? Pinieff (lebhaft): Kennen Sie noch andere Arbeiter, die so denken und fühlen wie Sie? Lunin: O ja! Pinieff: Rufen Sie sie zusammen, wählen Sie die intelligenteren aus und bringen Sie sie zu mir! Lunin: Ich kenne solche — sie alle sind Leute, die sich nicht vordrängen, die keine Politik treiben können. Es sind einfache Arbeiter wie ich. Wir lieben es nicht, das Wort zu nehmen. Wir sind die Schweigenden, die Stummen, die Verborgenen. Pinie ff: Ihr werdet die Redner werden müssen und die Schreier, ihr werdet aus euerer Verborgenheit hervortreten, ihr werdet Führer werden müssen! Lunin: Führer? Gott bewahre! Wie kämen wir dazu? Mir zum Beispiel stockt das Blut in den Adern, wenn ich in einer Versammlung meiner Gruppe das Wort nehmen soll. Da melde ich mich lieber nicht und schweige. Das wäre ein schöner Führer! Pinieff: Sie werden es werden müssen! Sie wissen, was Sie wollen... Lunin: Und dann — warum sollen wir scheitern? Pinieff: Scheitern? Lunin: Das ist das Schicksal der Führer. Pinieff: Haben Sie denn keinen Glauben an sich? Lunin: Ich glaube an mich, solange ich der bin, der ich bin. Pinieff: Aber andere sollen Führer sein und dürfen scheitern! Lunin: Die, welche sich dazu drängen, welche sich zu Führern berufen