Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Der Zerfall der jüdischen Familie
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 348 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912921-2928432--11585-2928578- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
348 MENORA.H weil die Mictkascrncn, in denen noch immer die jüdische Bevölkerung zum überwiegenden Teil untergebracht ist, dem Menschen kein Heim zu bieten vermögen. Die Folgen des Aufenthaltes in unhygienischen Wohnungen sind die Nervosität der städtischen Bevölkerung, der Alkoholismus und die Prostitution. In den vier judenstärksten Bezirken Wiens (Innere Sladt, Leopoldstadt, Alsergrund und Brigittenau) sind im Vergleich zu den anderen 17 Bezirken um 26'04% weniger Häuser vorhanden. In ganz Wien entfallen durchschnittlich 11'89 Wohnparteien auf ein Haus; in den angeführten vier Bezirken dagegen i3"88, es kommen daher in diesen vier Stadtteilen fast 17% mehr Wohnparteien auf ein Haus, als in den übrigen Wiener Bezirken. Die Häuser in diesen vier Bezirken sind somit durchschnittlich um beinahe ein F ü n f t e 1 stärker belegt, als der Durchschnitt des Belages in ganz Wien beträgt. Die vom jüdischen Nationalrat im Jahre 1919 unternommenen Stichproben über den Belag der einzelnen von Juden bewohnten Wohnräume in Wien ergab, daß fast sechs Personen auf je einen Wohnraum in den Kleinwohnungen des II. und XX. Bezirkes kamen. Nicht anders liegen die Verhältnisse in Berlin. Auf je ein Hektar kamen Im Scheunenviertel...... 1477 Seelen in Alt-Berlin.........63(t „ „ Berlin-Mitte........439 „ „ Sladt Berlin . . . ... 296 „ Im Scheunenviertel, das ein ausgesprochenes Judenviertel ist, ist somit die auf ein Hektar entfallende Bevölkerungszahl 2^ mal größer, als die betreffende Zahl in Alt-Berlin, 3)4mal größer, als im Bezirk Berlin-Mitte und 5mal größer als im Bezirk Stadl-Berlin. Im Scheunenviertel kamen durchschnittlich 2'71 Personen auf einen Wohnraum; wenn man die von den Juden bewohnten Räume besonders berücksichtigt, so stellt sich dieses Verhältnis bedeutend höher. Diese tristen Wohnverhältnisse geben die Erklärung für die in den Städten Westeuropas angetroffene Erscheinung innerhalb der Gesamtbevölkerung, daß ein Viertel ledig, ein Viertel kinderlos ist, ein Viertel ein Kind und nur ein Viertel der Bevölkerung mehr als ein Kind aufweist, daß aber die Verhältnisse bei den Juden noch weitaus schlimmer sind, nämlich daß bei diesen fast ein Drittel ledig, ein Fünflei kinderlos, ein Viertel ein Kind und bloß der Rest mehr als ein Kind aufweist. Eine geringere Zahl von Eheschließungen, beziehungsweise eine größere Zahl von Ledigen unter den Juden muß selbstredend auch eine geringere Zahl von Geburten zur Folge haben. So betrugen die G e hurt e n- Ziffern auf 1000 Seelen im Jahre 1925 Jui'tn Nichtjuclcn. Berlin......... 108 11 7 Warschau....... 16S 23 8 Lodz......... 19-3 3S"4 Wien......... 8-5 12'8 Ein Vergleich der Verhältnisse bei den Juden in den Jahren 1910 und 1925 ergibt folgendes Bild: Stadt 1910 1925 Berlin......... 142 108 Wien......... 156 85 Budapest....... 18'4 116 Warschau....... 20 0 16'8 also überall eine bedeutende Geburtenabnahme. Die Sterblichkeit äußert sich bei der nichtjüdischen Bevölkerung deshalb so günstig, weil einerseits die hygienischen Maßnahmen besonders erfolgreich sind und weil infolge des Geburtenrückganges die Säuglinge und Kleinkinder, die das llauptkoniingent der hohen Sterblichkeit stellen, in der Gesamtbevölkerung relativ schwach, dagegen die mittleren Altersklassen mit ihrer an sich niedrigen Sterblichkeit stärker vertreten sind. Bei den Juden dagegen sind die höhe r e n Altersklassen, aber auch die Zahl der Kinder viel stärker vertreten, als die Stufe im mittleren Alter, so daß bei ihnen ein fortwährendes Ansteigen der Sterbeziffer, schon allein infolge der auf dieser eingeschriebenen „Hypothek des Todes" (Friedrich Burgdörfer) zu verzeichnen ist. Die Sterblichkeitsverhältnisse auf je 1000 Seelen bei den Juden und Nichtjudcii im Jahre 1925 gibt die folgende Tabelle wieder: