Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Die Brautfahrt
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 343 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912921-2928431--11579-2928573- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE BRAUTFAHRT 543 schäme mich schrecklich; dabei diese Angst, diese Angst! Inzwischen habe ich doch erfahren, wie alles zusammenhängt: Moritz Ziegel sollte eine Partie zustande bringen zwischen Nelke Hirschhorn aus einer sehr strenggläubigen Familie und einem jungen Mann ans Kalusz. Wie Moritz Ziegel aber den jungen Mann besucht und erkennt, daß es sich um einen aufgeklärten, gebildeten, schon ,,deutsch" gekleideten Menschen handelt und nicht um einen Frommen mit Schläfenlocken, sagt er ihm sofort: ..Das ist nichts für die Hirschhorns, das ist für die Borais.Einverstanden! Und weil Stanislau ungefähr in der Mitte zwischen Buczaez und Kalusz liegt, hat man besprochen, da 13 beide Familien dort, bei Oheim Mendel Roral und bei Vetter David Möller, dem Rabbiner, zusammenkommen. Also, wie gesagt, wir fahren. Aber was für eine Fahrt, Kinder! Den ganzen Weg über zittre ich. Soviel ich mich erinnere, lag Schnee; aber ich sehe nichts, höre nichts: ich kann auch nichts essen: nur: ich zillre. Ein Mädchen von sechzehn Jahren . . . was verstehe ich von der Welt, von einer Großstadt, von einem Mann, von Heiraten! Sooft ich mir die Stadt mit den vielen Studenten, den Palästen und den vornehm gekleideten Menschen vorstelle, sooft ich mir vorstelle, wie Er vielleicht aussieht, wie ich ihm die Hand geben, mit ihm reden soll, zittre ich am ganzen Körper; und doch kann ich nichts anderes denken. Entsetzlich! Nach Mittag, endlich, sind wir da. Ein Gebäude mit zwei Stockwerken und einem neuen Riechdach: Mendel Roral ist ja der erste Bankier der Stadt! Dwojre, meine Base, schaut zum Fensler heraus (nachher stellt sie sich mir mit den Worten vor: „Ich bin die Tochter des Hauses"), und Vetter Rubin kommt uns in Uniform an den Verschlag entgegen. Das Herz klopft mir bis zum Hals, aber natürlich wage ich mit keiner Silbe zu fragen. Oben empfangen uns Oheim Mendel — er hat uns zu Ehren sofort das Geschäft verlassen — und Muhme Mirjam. Sie ist im atlassenen Festgewand und in der Krinoline, eine vornehme, schon aufgeklärte Frau mit echtem, vollem. otTenem Haarschmuck. Mir streichelt sie nur über die Stirne und führt mich ins Nebenzimmer zum Umkleiden; Dwojre hilft mir dabei. Während sie mir hinten den Rock zuhakt — ich siehe gerade am Fenster — höre ich unten auf der Straße sprechen und — aus reiner Neugier, ich denke an nichts — lüfte ich ein wenig den Vorhang. Und was sehe ich? Oheim Mendel mit dem Spitzbärtchen und ein junger Mann, ganz glatt rasiert, ein Gesicht wie ein Mädchen, nur der Mantel ist ihm schon etwas ausgewachsen, gehen auf und ab: Oheim Mendel spricht, die Hände auf dem Rücken gefaltet, und der