Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Die Brautfahrt
- Date
- 1932-07-01
- Page
- 342 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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DIE BRAUTFAHRT Von Karl Lieblich Wenn meine Mutter aus ihrem Leben erzählt, röten sieh ihre Augen, und auch ich muß mich abwenden. Kann es denn anders sein? Mamachen ist unberufen in guten Jahren (bis hundertundzwanzig!), und was sie erzählt, tiegt oft mehr als fünfzig Jahre zurück. Zum Beispiel die Geschichte ihrer Brautfahrt. Wie soll sie nicht gerührt sein, wenn sie sich als sechzehnjähriges Mädchen sieht, und wie soll ich nicht gerührt sein, wenn ich die Mutter in Tränen sehe? ,,Moritz Ziegel", erzählt sie. „war bei uns in Buczacz der bekannteste Schadehen. Eines Tages kommen wir, die Schwester und ich, nach Mause (die Mutter hat uns etwas einkaufen geschickt) und treffen Ziegel noch auf der Treppe. ,Guten Abend, Channele!' sagt er, sieht mich merkwürdig, so mit einem Lächeln an und kneift mir die Wange. ,Punjale\ sage ich nachher und lege die Hand auf das klopfende Herz, ,mir scheint, er ist wegen mir gekommen!4 " Richtig, ein paar Tage darauf, wie ich den Tisch abräume, fragt mich der Vater ganz beiläufig: Channele", fragt er, „hast du Lust, nach Slanislau zu Oheim Mendel zu fahren?" Ich bin sprachlos. ,,Nach Stanislau . . . zu Oheim Mendel?" wiederhole ich und bin schon außer mir. Stanislau war für mich eine fremde Welt, eine Großstadt, und Mendel Boral war für uns — wie soll ich mich ausdrücken, ohne zu sündigen?! — er kam gleich nach dem lieben Gott! AVenn man von den Sianislauer Borais gesprochen hat, ist man vom Sitz aufgestanden —" (die Mutter erhebt sich mit ganz ernstem Gesicht, um zu zeigen, wie man vor den Stanislauer Borais aufgestanden ist). ,.Ja, zu Oheim Mendel", bestätigt der Vater; „wenn es dir recht ist, fahren wir morgen." Sofort weiß ich, um was es sich handelt, und fange an zu weinen. Da ruft mich der Vater zu sich her, setzt mich auf sein Knie und wischt mir mit dem Handballen die Augen. ,,Channele", sagt er, „was weinst du? Werde ich dich denn zwingen? Wenn er dir nicht gefällt, fahren wir wieder nach Hause, und der Fall ist erledigt." Am nächsten Tag also läßt der Vater anspannen, und wir fahren, die Eltern und ich. Ich sehe: man schaut aus den Fenstern, die Leute lachen, winken, die halbe Stadt, kommt mir vor, weiß schon davon. Ich