Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Ein Judenstaatsprojekt eines mohammedanischen Herrschers aus dem Jahre 1873
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 340 (sequence 5)
- Language
- German
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340 MENORAH Glaubensgenossen nachsuchten. Er mußte durch diese jüdische Bewegung den Eindruck erlangen, daß die Juden Europas ein einflußreiches, bedeutendes Element darstellen, mit dem zu rechnen sei. Ihm mußte aber auch eine andere Erkenntnis klar werden, daß nämlich die Juden sonderbarerweise über die ganze Welt zerstreut sind. In jener denkwürdigen Unterredung des Schah mit dem Centralcommittee der Alliance in Paris, die der Privataudienz mit Rothschild voranging, fragte der König auch ganz ausdrücklich nach der Zahl der Juden in Frankreich, in England und in den anderen Staaten Europas. Wenn also die Juden einerseits so einflußreich und machtvoll, andererseits Verfolgungen ausgesetzt, verstreut und versprengt sind — -wie es dem Schah erst auf seiner Europareise so richtig zum Bewußtsein kam — warum kaufen die Juden sich nicht ein Territorium, auf welchem sie friedlich und unbehelligt leben können? Nichts ist natürlicher und einfacher als diese Konzeption der Lösung des Judenproblems für eine unbefangene, von den äußeren Bedingungen allein ausgehende Betrachtung. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß irgendwelche literarische Beeinflussung (welcher Art hätte diese auch im Jahre 1873 sein können!) den Schah zu diesem Gedanken führte, sondern allein die reale jüdische Wirklichkeit, mit der er in Europa zusammentraf, eben jene zwei Grundtatsachen: der Bedeutung und der Zerstreuung des jüdischen Volkes, Und verständlicher weise schlägt er diesen Plan dem Manne vor. von dessen Reichtum er so viel gehört hat und der also allein imstande gewesen wäre, den Gedanken auszuführen. Aber noch von einer anderen Seite her können wir die psychologische Wurzel dieses Judenstaatsprojektes" aufdecken. Wir erwähnten eben schon die Fülle der Petitionen, die dem Schah von jüdischer Seite zugingen. Wenn diese auch stilistisch und formell voneinander dilfericren, so sind sie doch inhaltlich im wesentlichen nach einem Schema verfaßt worden. In einem, gerade für unsere Betrachtung wichtigen Punkt fällt die Einheitlichkeit dieser jüdischen Aktion besonders auf: In all diesen Petitionen wird nämlich stets auf C y r u s, den großen Vorgänger von Nasr ed Din Bezug genommen und dessen Befreiuiigsakt für das jüdiche Volk betont. In den verschiedensten Variationen wird Cyrus gepriesen, er, der die Ketten der jüdischen Gefangenen gebrochen, er, der den Juden volle bürgerliche und religiöse Freiheit gewährte, er, der, wie Cremieux sagte, „ramena les juifs dans leur chere Paiestine" (der die Juden in ihr geliebtes Palästina zurückführte) usw.