Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1932-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1932) · p. Seite 327

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1932)
Article
Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
Date
1932-07-01
Page
Seite 327 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912916-2912921-2928422--11547-2928557
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

BEGEGNUNG MIT JÜDISCHEN ZEITGENOSSEN 327 Friedrich Gundolf oder Z/her Helden und Heldenverelirung Hieidelberg, die Stadt der deutschen Romantik, die Stadt mit der ältesten deutschen U n i v ersi t ä t hat bis zur Gegenwart ihrem Weltruf Ehre gemacht. Es ist zwar sicher, daß die rührselige Studentengeschichte ,,A 1 t- II cidelber g4' mehr zur Popularisierung dieser Stadt beigetragen hat, als alle romantische Dichtung, Kunst und Philosophie — aber von dieser Art zweifelhaftem Ruhms will ich hier nicht sprechen. Heidelberg wurde durch Windelband und Rickert zum Zentrum der „badischen Philosophenschule", durch George und G u n d ol f, M o m b c r t und Benz das Zentrum der beiden wichtigsten Dichter- Schulen der Gegenwart. George ist aus Heidelberg verschwunden und Gundolf ist gestorben. Der M o m b e r t - K reis dagegen besteht uneingeschränkt weiter. Rudolf Goldschmit, der Begründer der „Heidelberger Festspiele", der Freund Gerhart Hauptmanns und Thomas Manns, empfängt noch immer alle Persönlichkeiten, die Heidelberg auf der Durchreise berühren. In Heidelberg habe ich meine Dichtungen verlegen lassen. Hier schrieb ich eine Artikelreihe über den „Heidelberger Literatur-Kreis", der mir die Bekanntschaft Hans Ehrenbergs und Rudolf Goldschmits eintrug. Hans Ehrenberg, der Verfasser von „Tragödie und Kreuz", der mich einmal zu Tisch lud ehe er protestantischer Pfarrer wurde, war k o n v e r t i e r t e r J u d e und schlechthin der haltloseste Mensch, der mir je begegnet ist, obwohl ich sein Hauptwerk aufrichtig geschätzt habe. Auch Friedrich G u n d o 1 f (Gundelfmger), der Literaturhistoriker der Universität, war schließlich ein geborener Jude. Allein er hatte durch Stefan George die Norm und Haltung empfangen und machte so einen beruhigenden und beruhigten Eindruck. Im Juli 1927 sah ich Gundolf zum erstenmal in Karlsruhe. Er trug ein Kapitel aus seinem grundlegenden Shakespeare-B uck vor. IWer je schon ein Bild von George gesehen hatte, der mußte überrascht sein von den auffallenden p h y s i o g n o m i s c h e n A f f i n itüten zwischen George und Gundolf. Außerdem wirkte die große Gestalt vollkommen unjüdisch. Es war die Zeit kurz vor Gundolfs schwerer Erkrankung, an deren Folgen er schließlich einige Jahre später gestorben ist. Er wirkte damals schon als sehr kranker Mensch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.