Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 328 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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328 MEN ORAH Meine Unterhaltung mit Gundolf drehte sich fast ausschließlich um George. Da ich mich sehr zu George hingezogen fühlte, aber nie dem „Kreis" angehört habe, wollte ich so wenigstens durch den Mund seines beredtsten Anwaltes etwas erfahren. Es war damals .schon kein Geheimnis mehr, daß George mit Gundolf wegen seiner Heirat gebrochen habe. Ich war geneigt, Gundolf Recht zu geben, mußte aber doch später mein Urleil revidieren. Sei es, wie es will: ich habe jedenfalls noch nie in meinem Leben einen Menschen mit soviel Achtung über einen andern Menschen sprechen hören, wie Gundolf über George. „Man kann für oder gegen George sein, aber man kann die deutsche Dichtung der Gegenwart nicht mehr ohne George beurteilen, so wie man für oder gegen Kant, aber nicht ohne Kant denken kann." Das war ein stolzes Wort, aber es war ohne Zweifel richtig. Ich betrachte es als einen der Glücksfälle meines Lebens, daß ich wenige Wochen vor dem Tode Gundolfs mit diesem noch einmal in seiner Heidelberger Wohnung zusammen sein konnte. Ich hatte die Absicht, ein Mappenwerk: ,,D a s Gesicht der Ze i t" des mir befreundeten Malers August Rumm herauszugeben, in das das Bildnis Gundolfs unbedingt kommen sollte. Wie bei der Sitzung Keyserlings, hatte ich bei dieser Sitzung einen seltsam tiefen Eindruck: Gundolf offenbarte sich plötzlich als ,J u d e, der mit den Händen gestikulierte, dessen Mimik fortgesetzt wechselte und der unruhig seinen Oberkörper hin und her bewegte. Dabei sprudelte seine Laune geradezu über. Eine Kette von Witzen zog über uns dahin, und es waren nicht immer die eimvandfreiesten. Natürlich zeigte er uns auch seine Cäsar- und Shakespeare-Bibliothek, seine Lasar-Bildnisse und Münzen. „Ich habe über Cäsar, Goethe, Shakespeare, George geschrieben, weil ich das Wahre und das Schöne nur mit einem Henkel fassen kann." Das war ein schönes Wort dieses Menschen und erklärte tief den Sinn seines Heroen-Kultes. Als wir aber zuende waren, da war das Wunder geschehen: diese griechische Statue war zum jüdischen Propheten geworden, die Erregungen hatten sich alle auf dem Bilde abgezeichnet. Es war eine Demaskierung. bei der wir alle ratlos standen und nicht wußten, was wir sagen sollten. 'Schließlich meinte »ich, daß ich bei der nächsten Sitzung nicht mehr dabei sein möchte. Wenn das dynamisch erregte Gesicht durch