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Menorah · 1932-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1932) · p. Seite 320

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1932)
Article
Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
Date
1932-07-01
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
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320 MENORAH Natürlich war das von mir eine Ungezogenheit, aber ich hatte wenig Zeit und es war für mich selbstverständlich, daß ich nicht von Freiburg abreiste, ohne den Philosophen wenigstens gesprochen zu haben. Das Mädchen wollte mich abweisen, aber ich bedeutete ihm, daß das ganz unmöglich sei, weil ich den Herrn Geheimrat einfach sprechen müsse. Nach diesem Mißerfolg erschien die Frau Geheimrat und gab mir zu verstehen, daß es jetzt unmöglich gehe. Aber ich sagte ihr höflich, daß es mir auch unmöglich sei zu gehen. Schließlich wurde der kecke Eindringling in die Bibliothek geführt, woselbst er in Gottes Namen zu warten hatte. Endlich erschien der Herr Geheimrat selbst. Er war durchaus nicht so verbittert, wie ich annehmen mußte. Im Gegenteil. Er setzte sich zu mir und sprach mit mir sehr ungeheimrätlich. Mein Eindruck war einer der besten meines Lebens. Ich saß einem Einsiedler gegenüber, dessen ganze Physiognomie nichts als Denken verriet. Merkwürdig: eigentlich jüdisch wirkte die Erscheinung nicht auf mich. Und doch war das „begriffliche*' Antlitz irgendwie rabbmisch, talmudistisch. „Was führt Sie zu mir?" fragte mich der Philosoph durchaus gütig. ,,Ihre Philosophie, Herr Geheimrat!" erwiderte ich schlagfertig. „Ach ich werde ja nicht fertig", sagte er ein wenig wehmütig. ,.Nun habe ich bis zu meinem siebzigsten Lebensjahr gedacht und Material angesammelt — da merke ich endlich, daß ich sichten und gestalten muß/' Das war der jüdische Denker, der zu mir sprach, nicht der griechische, der er so gerne sein möchte. Das war die jüdische Grenzenlosigkeit, an der er litt. „Ich bin völlig einsam, wie Spinoza, aber ich gehe meinen geraden Weg wie er", fuhr er fort. „Meine Schüler habe ich verloren." Er meinte wohl Scheler und Heidegger, die beide zur A n t h r op o 1 o g i e abgeschwenkt waren. „Ich habe mich bemüht, das Denken von allem Menschlich-Subjektiven im Sinne Kants zu befreien, aber sie haben die reine Eidetik in reine Anthropologie zurückverwandelt. Gerade der Mensch ist ihnen alles." Diese Enttäuschung war bitter, man merkte es dem einsamen Phi-

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