Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 319 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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BEGEGNUNG MIT JÜDISCHEN ZEITGENOSSEN 319 Edmund Husserl oder Die Judaisierung des Piatonismus jVleine Wendung von der Dichtung zur Philosophie vollzog sich nicht in München, sondern in Karlsruhe. In München glaubte ich noch an den Denker-Dichter in mir; in Karlsruhe wurde ich zum D i c h t e r - D e n k e r: eine Schwerpunktsverlegung, die mich von allen inneren Qualen erlöste. Hier fand ich den Zugang zur Philosophie der Gegenwart durch die weltberühmte ,,b a d i s c h e Philosophcnschulc", die durch Wilhelm Windelband in Freiburg und Heidelberg begründet wurde, spater durch Heinrich Rickert in Heidelberg und Edmund Husserl in Freiburg fortgerührt wurde und augenblicklich durch Martin Heidegger in Freiburg repräsentiert wird. Dazu kommt Arthur Drews an der Technischen Hochschule in Karlsruhe, der zwar kein originärer Denker ist, aber doch das große Verdienst hat, die Tradition des Irrationalismus von Eduard von Hartmann her konsequent fortzusetzen. Sein Schüler ist der bedeutendere Leopold Ziegler. Die freie b a d i s c h c Philosoplienscli ule wird durch Leopold Ziegler, Friedrich Mückle, Ernst Krieck und Heinrich Berl, alle vier geborene Badencr, vertreten. iUnter meiner Leitung wurde Karlsruhe Jahre lang eine Art freie philosophische A k a d e m i e, an der Graf Keyserling, Leo Frobenius, Hans Driesch, Ludwig Klages, Karl Joel, Max Schelor, Ernst Gassirer, Nicolai Hartmann, Paul Tillich, Eduard Spranger, Theodor Litt u. a. m., darunter auch die badischen Philosophen, mit Ausnahme Rickerts und Hus-serls. gesprochen haben. So bunt diese Gesellschaft anmutet und so sehr sie im Rang verschieden ist, so einheitlich war doch meine Absicht: ein Spiegelbild der rationalen und irrationalen Slrömungen zu geben, um die Möglichkeit einer philosophischen Synthese aufzuzeigen. Der badischen Philosophenschule habe ich außerdem ein Buch gewidmet: den Ertrag einer zehnjährigen Auseinandersetzung mit dieser Schule. Da ich weder bei Rickert, noch bei Husserl Philosophie gehört habe, war es mir ein Bedürfnis, diese beiden von mir geschätzten Denker einmal aufzusuchen. Im Jahre 1929 war ich bei Beiden das erste Mal. Als ich bei Edmund Husserl gleichsam in die Wohnung eindrang, saß der Philosoph gerade am Mittagstisch.