Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 318 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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318 MENORAH Bergson war geradezu der Philosoph der Zeit. Daß er eine Schrift gegen Einstein geschrieben hat, spricht nicht gegen meine Auffassung von der jüdischen Affinität. Diese Schrift erstand ich in einem Pariser Laden und faßte gemeinsam mit einem Freund den Plan, sie ins Deutsche zu übertragen. Das müßte wohl ein Grund sein, von Bergson persönlich empfangen zu werden, dachten wir bei uns. Es war mir bekannt, daß Bergson krank sei. Man sagte mir, es sei bei ihm nicht mehr ganz in Ordnung, aber das sagt man schließlich gerne von einem Philosophen. Wir fuhren also frisch und frei, wie wir waren, ins Bois de Boulogne, wo der Philosoph jetzt wohnte. Er hatte gerade den Nobelpreis bekommen. Madame Bergson empfing uns mit großer Liebenswürdigkeit. Wir wollen sicher Professor Bergson sprechen, meinte sie, aber das sei ausgeschlossen, wreil er erst operiert worden sei. Wir sprachen von unserer Absicht, das Buch über Einstein zu übersetzen, außerdem wollten wir ihn doch zu einem Vortrag in Deutschland einladen. Oh! meinte Madame Bergson, das letzte sei überhaupt ganz ausgeschlossen, was wir natürlich begriffen. Immerhin versclnvand sie, um Monsieur Bergson die Angelegenheit vorzutragen. Wir betrachteten inzwischen das Ölgemälde an der Wand, das beinahe nur den Schädel plastisch hervortreten ließ, während der Körper in sich zusammensank. Hier wurde mir klar, daß Bergsons Kampf gegen den Intellektualismus bedingt sei durch eine intellektuelle Hyperthrophie, daß er im Grunde gar nichts von dem elan vital hatte, den er emphatisch feierte. So ist es durchaus bei Steiner und erst recht bei Klages. Sie alle sind intellektuell überlastet und predigen daher den Antiintellektualismus. Natürlich kam Madame Bergson bald zurück mit dem Bescheid, daß Monsieur Bergson sehr bedauere, uns nicht empfangen zu können. Wir möchten doch unsere Wünsche schriftlich vorbringen. Wir haben nie geschrieben, aber wir haben einen Blick in die Seele dieses Mannes getan, der tiefer war als hätte er bei einer Begegnung sein können.