Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 283 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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QUER DURCH AMERIKA 283 borgen sind. Etwas Mystisches haltet ihnen an. Ihr Körper gleicht einem Baum, an dem ein Wurm nagt und der doch in schönster Blüte steht. Charakteristisch für die Krankheit ist. daß die Seele um so lebendiger ist, je mehr der Körper von dem Übel untergraben wird. Und je näher man dem Grabe steht, desto jünger scheint man 7.11 werden, desto mehr wird der Körper mit Lehenssäften angefüllt. Oft verlieben sich Kranke auf dem Totenbett in einander und träumen von dem neuen Leben, das dort drüben, jenseits beginnen soll. . . Das Sanatorium macht daher nicht den Eindruck einer Krankenanstalt, man glaubt vielmehr, einem Picknick von jungen Menschen beizuwohnen. Wohin man blickt. Jugend, blühende Körper. Nie noch sah ich unsere Arbeiter so ausgeruht, so satt, so sonngebräunt. Wie es seheint, muß ein Arbeiter erst die Schwindsucht bekommen, um so gut auszusehen. Doch in den Wangenrosen sitzt der Wurm. Und von dem Patienten, der am gesündesten aussah, sagte mir der Doktor, daß seine Tage gezählt seien. Einer von den Kranken, ein Arbeiter in mittleren Jahren, mit schwarzen träumerischen Augen, hielt mich an seinem Bett zurück, indem er mich an der Hand faßte, Er hätte — so sagte er — mich um Rat zu fragen, denn er wisse nicht, was er mit Frau und Kindern anfangen solle. Während der ganzen Kriegszeit hatte er von ihnen nichts gehört. Sie wohnten damals in der Ukraine, in jenen Gebieten, wo die Banden des berüchtigten Petljura wüteten. Er mußte glauben, daß auch sie bei den Pogromen ihr Leben gelassen hatten oder auf der Flucht in den Wäldern umgekommen waren. Der Gedanke daran war wohl die Ursache seiner Krankheit. Er verbrachte schlaflose Nächte, in denen er unaufhörlich an die Seinen dachte. In der vagen Hoffnung, doch von ihnen Nachricht zu erhalten, sparte er Groschen um Groschen, ohne sich Essen und Schlaf zu gönnen. Und dann mußte das Geld für die Krankheit aufgewendet werden: „Und jetzt liege ich hier und weiß, daß es bald zu Ende geht. Da bekomme ich ein Telegramm aus Warschau — es ist ihnen gelungen nach Polen zu kommen, ich möge ihnen eine Schiffskarte senden/' Er zieht unter dem Polster ein zerknülltes Telegramm hervor und drückt es an sein Herz — es ist der einzige und letzte Gruß, „Wozu sollen sie kommen? Ich werde sie ja ohnehin nicht mehr sehen. Und wer wird sie abholen, wer sich hier ihrer annehmen?" Nach kurzem Nachdenken beginnt er wieder: ,,Aber wer wird sich dort ihrer annehmen? Was raten Sie mir? Was soll ich tun?'' . . .