Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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284 MENORAH Ein anderer, mit glänzenden Augen, spricht, wie er mich sieht, erregt auf mich ein: ,,In der letzten Woche sind drei Arbeiter im Sanatorium gestorben, sämtlich Mitglieder des Arbeiterrings. Und niemand von der hiesigen Ortsgruppe des Arbeiterrings war beim Begräbnis. Bloß einige Kranke aus dem Sanatorium gaben den Toten das letzte Geleite. Wenn ein frommer Jude stirbt, so kommen Leute von der Chewra Kadischah oder von einem Bethaus. Stirbt aber unsereiner, so kommt niemand aus der Stadt." „Die Mitglieder des Arbeiterrings sind Arbeiter, sie haben keine Zeit, zu Leichenbegängnissen zu gehen" — verteidigt ein Kranker, der dem Arbeiterring angehört, seine Genossen. „Aber so elend ... so allein ..." — murmelt der Kranke ängstlich. Es ist in seinen Augen zu lesen — er denkt nicht nur an die Gestorbenen der letzten Woche, er denkt an sein eigenes Begräbnis. . . Als ich das Sanatorium verließ, war es Nacht. Die Sterne am Hirn mel von Los Angeles sind sehr groß und hell, wie in allen warmen Ländern, und geben mehr Licht als bei uns. Das Sanatorium liegt am Fuße des Mount Wilson, auf dessen Gipfel sich die größte Sternwarte der Welt mit den größten astronomischen Teleskopen befindet. Oben im Observatorium saßen wohl jetzt die Gelehrten, richteten ihre Teleskope auf die Sterne und sahen neue Welten. Unten aber, am Fuße des Berges, saßen die Kranken des Sanatoriums von Los Angeles und blickten zu denselben Sternen empor, welche die Gelehrten auf dem Mount Wilson betrachteten. Und ich glaube — die Kranken sahen die Welten, die sich auf den Sternen befinden, viel deutlicher und schärfer als die Gelehrten. Denn es sind d'ie Welten, in denen die Kranken bald sich befinden werden . . .