Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Reb Zalman
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 215 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912920-2928172--11335-2928310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
REB Z ALM AN 215 zuschlagen, war die usuelle Begrüßung des alten Hausierers, und zwar insbesonders bei den besser situierten Leuten der Nachbarschaft. So behandelt man einen alten frommen Juden! Um heutzutage ein echt jüdisches Herz zu finden, muß man leider schon mit Lichtern suchen. Aber Reb Zalman gelang es doch, namentlich in den ärmeren Gegenden, einige gutherzige Weiblein zu finden, die ihm zuriefen: „Kommen Sie doch herein, Reb Zalman, wozu bleiben Sie draußen stehen?" — als wäre er statt des armen Hausierers, der er wirklich war, ein lieber Gast. Und sie luden ihn ein, in die Küche zu kommen und eine Tasse Tee zu trinken und kauften ihm Zwirn, Schuhbänder und Schuhpasta ab, auch wenn sie das Zeug nicht brauchten und plauderten mit ihm. Und Reb Zalman pflegte dann sein schweres Herz zu erleichtern und von seinem Schmerzenskind, seiner Tochter und all dem Kummer zu erzählen, den sie ihm bereite. Doch der teilnehmenden und wohlwollenden Seelen gab es nur wenige, für den Rest war und blieb er bloß der alte, zerlumpte und zerzauste Hausierer mit seinem schwarzen bereits angegrauten Bart und dem schäbigen Filz über den abstehenden Ohren. Nur im Tempel vermochte er sein Leid zu vergessen. Wie hätte er auch in Jehovas Gegenwart bedrückt sein dürfen! Und in der kleinen Synagoge mit ihrem sandbestreuten Fußboden, dem Koksofen und den Spucknäpfen saß Reb Zalman Abend für Abend mit seinen Glaubensgenossen über mächtigen, stockfleckigen Folianten brütend und murmelte in einer Art von Verzückung seinen eintönigen Sing-Sang vor sich hin. Mit geradezu sinnlichem Vergnügen putzte er die Dochte der mächtigen Kerzen, die in sandgefüllten Leuchtern stecken und auf den alten, wackeligen Tisch graue Wachstropfen niederfallen ließen. Oft blieb er, wenn alle anderen schon gegangen waren und der Tempeldiener bereits gesperrt hatte, allein im Finstern zurück, um zu Jehova zu beten. Und wenn es Mitternacht schlug, warf er sich zuweilen vor der Bundeslade nieder und vergoß bittere Tranen über die Zerstörung des Tempels. Aber wenn dann der Morgen dämmerte, empfand er unwillkürlich wieder den Druck seines eigenen Jammers: Ein ganzes Jahr bereits hatte er sein Herz seiner leiblichen Tochter gegenüber verhärtet und ihr keine Zeile mehr geschrieben. Er hatte sie verflucht. Jetzt hlitte er seinen Fluch — ach wie gerne — wieder zurückgenommen. Als er im fahlen Morgenlicht durch die verlassenen Straßen seinem Heim zuwankte, hatte er ein beängstigendes Gefühl, wie wenn sich ihm die Brust zusammenkranipfen würde. Sein Augapfel, seine einzige, mniggeliebte Elka, der er ein ganzes Jahr lang nicht geschrieben hatte! War das noch ein Vaterherz, das in ihm schlug? Wenn sie auch eigen-