Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 212 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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212 MEN ORAH gen. Diese Edle hob mich wie einen Säugling empor und ließ mich auf den Barbierstuhl fallen, der so hoch war, daß man nur auf einer Leiter zu ihm gelangen konnte, und bloß drei Füße besaß, während seine vierte Ecke von dem Knie der edlen Dame gestützt wurde. Als sie mein Gesicht in die Arbeit nahm, kamen mir lebhaft die Kinderjahre in den Sinn, wenn mich am Freitag Nachmittag das Dienstmädchen ordentlich für den Sabbat abschrubbte und durchkämmte. Während der ganzen Zeit, da ich unter dem Messer stand, hatte ich die Ehre, von dem weichen Busen der edlen Dame so gut gewärmt zu werden wie von einer Daunendecke an einem heißen Sommerabend in einem New Yorker Logierhaus. "Wenn ich aber mein Gesicht aus dieser bedrückenden Nähe wegschob, um ein wenig Luft zu schöpfen, so sah ich den krummen Schnabel eines Papageis vor mir, der böse und feindselig aus seinem Käfig zu mir hinüberstarrte, wohl weil er mich um so unermeßlich reiche Gnade beneidete, wie die edle Dame sie mir schenkte .. . Zwischen dem mexikanischen und japanischen Viertel stieß ich auf einen winzigen Laden, der voll war mit alten Schuhen. Auf der Schwelle stand der Besitzer, ein kleiner Jude mit einem kleinen Höcker vorn und einem kleinen Höcker hinten. Seine Nase war ein verkleinertes Spiegelbild seiner Person. Sie war ungefähr so groß wie das ganze übrige Männchen und besaß ebenfalls einen kleinen Höcker vorne und einen kleinen Höcker hinten. An dieser Nase erkannte ich, daß ihr Träger aus derselben Gegend stammte, wie ich — nämlich aus Großpolen. Ich muß gestehen, daß ich den Mann sogar verdächtigte, mit mir verwandt zu sein, da er unser Sippenzeichen, die höckerige Nase, besaß. Meine Vermutung bestätigte sich wohl nicht, aber er war wenigstens ein Landsmann von mir. In seinem Laden gab es Schuhe, die von den Füßen der ganzen Welt stammten — Sporenstiefel von wilden mexikanischen Reitern und kleine, zierliche Schühchen der japanischen Geishas; riesige, benagelte Negerschuhe und geräuschlose ChinesenpantolTel. Das Wesen des Menschen findet seinen besten Ausdruck im Schuh. Denn kein Kleidungsstück lebt das Leben seines Trägers so mit wie die Schuhe. An Schuhen läßt sich erkennen, ob ihr Träger ein Schwerarbeiter war oder ein Müßiggänger, ein Dandy, der den ganzen lieben Tag nichts zu tun hat, oder ein Familienvater, der für das tägliche Brot des Hauses sorgen muß, eine Dame von Welt oder eine Halbweltdame ... Ja, alte vertretene Schuhe sind das Spiegelbild des Menschen. Und während ich so die alten Schuhe der verschiedenen Völker betrachtete, die im Laden des Juden aufgestapelt waren, hatte