Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 211 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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QUER DURCH AMERIKA 211 stark wie man in New York oder Boston kalifornische Orangen oder anderes Obst überzahlen muß, werden hier die Preise für einen New Yorker Anzug oder ein Paar Schuhe aus Boston emporgeschraubt. Ein besonderes Charakteristikum des japanischen Viertels bilden die weiblichen Barbiere. In diesem Gewerbe sind Frauen auch in Chikago zu finden, doch nirgends haben sie so starken Anklang gefunden wie in den Westländern der Union. Hier stammt diese Einführung von den Japanern. Eigentlich ist ja die Barbiertätigkeit mehr für die Frau geeignet als für den Mann. Die Beschäftigung ist überaus delikat, daher im Grunde weiblich. Es ist auch viel angenehmer, wenn die feinparfümierte, zarte Hand einer japanischen Geisha dir über die Wange streicht, als wenn die dicken Finger eines kräftigen Italieners dir das Gesicht massieren, besonders wenn sie, wie es häufig der Fall ist, nicht gerade allzu rein sind. Auch der Duft eines jungen Mädchens aus dem fernen Osten ist angenehmer als der schweiß - durchtränkte Odem eines Barbiers. Und dann der Blick der träumerischen japanischen Augen . . . Im Japanerviertel gibt es sehr viel weibliche Barbiere. Und das ganze männliche Los Angeles läßt sich von ihnen rasieren. Sie haben das Gewerbe tatsächlich zu einer Art Kult erhoben und es zu wahrer Vollkommenheit gebracht. Schon die Barbierstube gleicht einem japanischen Damenzimmer: In allen Ecken der wohltuende Anblick von Topfpflanzen. Das ganze Zimmer ist gewissermaßen schwebend leicht und sommerlich hell. Von der Decke hängen Käfige mit Singvögeln nieder, die Wände sind mit japanischen Fächern geschmückt. Ein zartes Mädchen mit länglich geschnittenen Augen, glänzend schwarzem Haar und kühlen, leichten Fingern wäscht dein Gesicht mit den duftenden Wassern des Orients. Du dünkst dich in das Traumland der Geschichten aus tausend und einer Nacht versetzt — du bist ein verkleideter Perserprinz, der die Welt durchwandert, um die Geliebte seines Herzens zu suchen, und wegmatt in einer unbekannten Stadt des legendären Ostens rastet. Und eine verkleidete Prinzessin, die in der Gefangenschaft eines fremden Fürsten lebt, wäscht dein müdes Antlitz, ehe du den Weg fortsetzt, der dich zur Geliebten führen soll . . . Doch nicht immer sind die weiblichen Barbiere so romantisch. Ich betrat einmal eine weibliche Barbierstube im mexikanischen Viertel, um mich rasieren zu lassen. Dort empfing mich eine Dame, die geradenwegs aus Cervantes' Epos hinausgestiegen zu sein schien. Sie ähnelte lebhaft der Duenna, mit der der edle Ritter Don Quichote die Ehre hatte, eine Nacht auf dem Heuboden seiner Herberge zu verbrin-