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Menorah · 1932-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1932) · p. Seite 198

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Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1932)
Article
Der Geist im Wort und der Geist in der Tat
Date
1932-05-01
Page
Seite 198 (sequence 12)
Language
German
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198 MENORAH JLIen Staatsmann definiert das Deutsche Wörterbuch von Heyne als einen Mann, „der Staatsangelegenheiten zu leiten versteht, dem sie anvertraut sind". Auf dem Urtypus im Diagramm trifl't diese an sich etwas beiläufige Definition nur in bescheidenem Ausmaß zu. Auch dem Politiker, dem negativen Gegentypus des Staatsmannes, werden bekanntlich Staatsangelegenheiten anvertraut; und es ist nicht zu leugnen, daß auch der Politiker manchmal Staatsangelegenheiten zu leiten weiß; — so wie der Pfaffe berufsmäßig zu predigen und die Beichte abzunehmen versteht. Und wie der P f a i f e jeder Religion zugunsten seiner Kirche wirkt, weil die Vergrößerung ihrer Macht zu gleicher Zeit eine Erhöhung der seinen oder doch seines Machtgefühles oder Machtdünkels bedeutet, so fördert auch der Politiker die Interessen seiner Partei vor allem, wenn auch manchmal nicht ganz bewußt, aus egoistischen Motiven. Für den Politiker wie für den P f a f f e n, ja für alle Typen des negativen Gebiets, gilt als Lebensregel jener bekannte Spruch, daß der Zweck die Mittel heilige. Im positiven Gebiet gilt dagegen das Wort, daß niedrige Mittel imstande sind, auch den edelsten Zweck zu entheiligen. Dem Staatsmann ist das Wohl seines Staates oberstes Gesetz. Doch als Staatsmann im höchsten Sinne müßte derjenige gelten, dem das Wohlder Menschheit höher stünde als das seines eigenen Staates. So wird es immer wieder geschehen, daß gerade die echtesten Repräsentanten dieses Typus in ihrem eigenen Lande als Hochverräter gelten, so wie die edelsten Priester als Ketzer verfolgt, gekreuzigt und verbrannt wurden. Hier zeigt es sich am eindringlichsten, daß ein Repräsentant des positiven Typus tragischen Konflikten um so eher gegenübergestellt sein wird, in je vollendeterem Maße erden Urtypus repräsentiert. JLJer Philosoph im eigentlichen Wortsinn bedeutet: einen Freund der Weisheit. Als Typus im Diagramm bedeutet er den Denker schlechtweg, einen Menschen, dem der Drang, der Zwang, die Leidenschaft des Denkens angeboren ist. Der Sprachgebrauch bezeichnet manche Leute als Philosophen, nicht weil sie geborene Denker sind, sondern weil sie temperamentlos oder mit Resignation Menschen, Dinge und Zustände betrachten, — eine Einstellung zur Welt und zum Leben, die an sich mit Philosophie nicht das geringste zu tun hat.

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