Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Der Geist im Wort und der Geist in der Tat
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 197 (sequence 11)
- Language
- German
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DER GEIST IM WORT 197 Doch hüte ich mich, solche Beispiele anzuführen, die doch nur verwirren würden, da kein Individuum den Typus rein darzustellen vermag. Hierin spricht sich eine gewisse Beschränkung alles Menschentums, zugleich aber dessen nie zu erschöpfende, unendliche Fülle aus. In manchen Fällen freilich erleichtert schon der Sprachgebrauch so sehr das sofortige Verständnis, daß man auf den Versuch von Definitionen, resp, Beschreibungen ohne weiteres verzichten kann. So muß die Gegensätzlichkeit zwischen Priester und P f a f f, Philosoph und Sophist nicht erst erläutert werden. Hingegen wird manchem der Politiker bisher entweder nur als eine Abart, vielleicht auch nur als eine geringere Stufe, aber nicht ohne weiteres als Gegensatz des Staatsmannes erschienen sein. Daß ein solcher zwischen Literat und Dichter besteht, ist wohl erst im Laufe der letzten Jahrzehnte weiteren Kreisen durch den Sprachgebrauch deutlich geworden. Daß aber zwischen Historiker und Journalisten, zutreffender: zwischen Konti nualisten und A k t u a 1 isten eine völlige Gegensätzlichkeit besteht, so sehr, daß wir den einen unter die M enschen, den andern unter die U n -Mensche n einreihen, wird doch erst durch einige erläuternde Bemerkungen klarer werden. _Lr er P riesle r im Ursinn des Wortes ist Spender der göttlichen (religiösen, rituellen) Gnadenmittel. Doch diese Definition nimmt auf den Beruf Bezug, nicht auf die Geistesverfassung. Als Typus innerhalb unseres Diagramms bedeutet er den Helfer, Tröster, Berater, Wegweiser, Freund. Der priesterliche Beruf legitimiert natürlich besonders zur Spendung solcher Gnadenmittel, ob man sie nun göttliche oder menschliche nennen will; keineswegs ist es unerläßliche Voraussetzung, daß der Priester fromm in religiösem oder gar dogmatischem Sinne sei. Der Pfaffe (die Bezeichnung bekam schon frühzeitig, bei Luther, ihren verächtlichen Beisinn) verhält sich zum Priester fast gleichungshaft genau wie der Politiker zum Staatsmann und der Sophist zum Philosophen. Daß es unter den Angehörigen des priesterlichen Berufes mehr Pfaden als Priester gibt, ist ebenso natürlich, wie daß es unter den Leuten, die in den Staatsdienst treten, mehr Politiker gibt als Staatsmänner. Zahlenmäßig ü b e r w i e g e n unter den Geistesmenschen die Repräsentanten des negativen Typus in einem Verhältnis, das möglicherweise einem biologischen Gesetz entspricht.