Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Moritz Gottlieb
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 3)
- Language
- German
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72 MENORAH mische Karriere, sonst das Ziel der Ziele für Väter 11 us dem jüdischen Bürgertum, verzichtend, den 16jährigen Sohn nach Krakau an die Kunstschule. Matejko, einer der größten polnischen Künstler, ein Romantiker, der mit einer Wucht, die ihm in Paris den Beinamen eines großen Barbaren eintrug, historische Gemälde malle, sollte sein Lehrer werden. Von dem Feuergeist des merkwürdigen Schülers — wohlgemerkt, Gottlieb war der erste Jude, der im Osten eine Kunstschule betrat, — angezogen und von seiner malerischen Frühreife verblüfft, widmete sich der sonst unzugängliche Meister dem Jüngling mit großer Wärme. Dankbar, und von der Schönheit der Welt und den Schätzen der Kunst, die sich ihm hier, in der alten polnischen Kulturstadt eröffneten, hingerissen glaubte der junge Mann nun ganz felsenfest an die Lehren des Liberalismus, die ihm als Credo seines Vaters tief eingeimpft worden sind. Vorbei sind die Zeiten, da Mauern Juden von Nichljuden trennten, Menschen nur gibt es, Kinder der Frdc, die sie nährt. Er jedenfalls liebte heiß sein polnisches Vaterland, dessen Unglück — denn Polen litt damals furchtbar unter den Folgen <les mißlungenen Aufslandes im Jahre 18G3— es ihm noch lieber machte. Er wollte für dessen Freiheit und Ruhm leben, schrieb — allerdings deutsch, denn das war damals die Sprache der jüdischen Intelligenz in Galizien, wie es übrigens auch die Unterrichtssprache der Schulen gewesen ist — patriotische Gedichte und malte Bilder aus Polens vergangenen glücklichen Tagen. Daneben als Bekenntnis und Wunschtraum zugleich sein Selbstbildnis in der Tracht eines polnischen Edelknappen. Dann ging er nach Wien, zu Angeli. Seltsam wirken die Arbeiten, die er dort vollbrachte. Nichts von der geistlosen Makartpracht und dem groben Zugreifen der Kunst jener Tage haftet an ihnen. Sie sind von einer Verhallenheit des Ausdrucks, einer Feinheit der Farbe, einer Keuschheit der Auffassung und einem zarten Lyrismus, wie ihn damals nur sein ferner Zeitgenosse Corot aufzuweisen hat, der aber als Erbe Jahrhunderte alter Malkultur. Ein kurzer Aufenthalt in Italien — eine Fühlungnahme mit edlem Körpcrkult und Sonnenglanz. Dann wieder Wien, München und Krakau. Und schließlich die Triumphreise nach Italien, im Gefolge Matejkos, der zum Papst pilgernd, um ihm als Pfand der Kirchentreue des polnischen Volkes ein Bild darzubringen, den Lieblingsschüler nicht missen wollte. Und in Rom jenes glänzende Bankett, an dem Matejko den Trinkspruch erhebend, an sein, an Gotlliebs Glas anstieß und auf sein Wohl trank, auf das Wohl „des jungen Meisters des hoffnungsreichsten Jüngers der polnischen Kunst, den er im Angesichte der erlauchten Gesellschaft als seinen Nachfolger begrüßt." Waren nicht wirklich die trennenden Mauern gefallen? War nicht bereits aller kleinlicher Haß vom starken Atemzug der Kultur weggeweht? In Moritz Gotlliebs Triumph in Rom seinen die Weltanschauung der Haskalahgeneration zu triumphieren. Doch es ereignete sich kurz darauf, daß ein anderer Schüler Matejkos, Siemiradski, durch die Auszeichnung, die dem Juden zuteil geworden, in seinen „heiligsten Gefühlen" beleidigt, bei der ersten geringfügigen Meinungsverschiedenheit dem „Eindringling" bedeutete, daß er ja nicht vergessen solle, wer er sei, und sich ja nicht einbilden dürfe. Beleidigungen sühnen zu können. Ein Paria ist er. vogelfrei und ehrlos. Der Hieb saß fest. Ja, er wollte fortab nicht vergessen, wer er sei. Ein Paria aber — nein, als Paria, fühlte er sich nicht im geringsten. ..Betende Juden am Versöhnungstag" heißt Gottliebs nächstes Werk. Ein Bild von Monumental formal der Größe, dem Können, dem Schwung nach. In der Komposition an die historischen Gemälde Matejkos angelehnt, mit ebensolchem Brio gemalt, eine Welt von Typen und Attitüden enthaltend, deren Würde, Ernst und edle Haltung, deren orientalische Frauenschönheit und Kleiderpracht mit suggestiver Überzeugungskraft dargestellt sind, enthielt dieses Bild eine stolze Erwiderung auf jenes Sehimpfwort. Wahrlich, Paria war weder der, der dieses WTerk zu schaffen vermochte, noch die Judengemeinde, deren Fest er darin