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Menorah · 1932-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1932) · p. Seite 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1932)
Article
Moritz Gottlieb
Date
1932-01-01
Page
Seite 71 (sequence 2)
Language
German
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MORITZ GOTTLIEB 71 scheint diese Sachlage. Vom Verbot, sich Bildnisse zu machen, zur Ketzerei gestempelt, und von jener Grundslimmung des Diaspornjudcnlums, das jedes Bejahen der Wirklichkeit als Verrat am zertrümmerten Tempel empfand, streng verpönt, stellt der künstlerische Schaffensdrang den, der ihm nicht widerstehen will oder es nicht kann, außerhalb der Grenzen, der moralischen wenigstens, des Judentums. Als illegitimes Kind, von jenen Trieben gezeugt, die trotz Prophelenwort und Rabbinergeselzgebung nie völlig auszurollen waren, bekam die Kunst am äußersten Hude der jüdischen Welt einen engen Schlupfwinkel als Behausung zugewiesen. Grabsteine und Betzeltel, Ehekontrakte und in Zeiten gelockerter religiöser Zucht Gebetbücher sind ihre legale Domäne. Wenn wir nun dennoch den Glauben an eine jüdische Kunst in des Wortes vollstem Sinne hegen, so liegt es nicht nur an theoretischen Erwägungen, die» uns lehren, daß die jüdische Welt, geweitet und gedehnt wie sie aus den Wandlungen der letzten Jahrzehnte hervorgegangen ist. jetzt auch die Kunst in sich fassen kann. Es liegt auch daran, daß sich dieses Wunder schon einmal in unserer Geschichte ereignet h;it, denn sicher ist das Wunder nicht nur des Glaubens liebstes Kind, sondern auch seine ersprießlichste Quelle. Dies wunderhaflc Ereignis ist an den Namen Moritz Gottlieb gebunden. Es lieg! nicht weit zurück, obwohl es die Erweckung des polnischen Judentums zur Kunst bedeutet. Es ist aber so gänzlich vergessen, als ob das Dunkel der Vergessenheit bei uns schamhaft das hüllen wollte, was sich bei anderen Völkern im Dunkel der Gezeiten verbirgt. Moritz Gottlieb ist im Jahre IfcSnfi in Ostgalizien geboren. In einem Zeitpunkt und in einem Land also, wo die Haskalah, jene jüdische Aufklärungsbewegung, die sich aus Berlin ausgehend über Wien nach Polen ergoß. immer weitere Kreise in ihren Bann zog, sie zur Auflehnung gegen die Alleinherrschaft der Religion und zur Fühlungnahme mit dem realen Leben auffordernd. Die eigenartige Verbindung von Unabhängigkeit vom Judentum und von Verbleiben in seiner Mitte, die das Entstehen einer jüdischen Kunst zur Voraussetzung hat, war also in dem Milieu realisiert, aus dem Golllieb stammt. Denn die Haskalah, die durch ihren erbitterten Kampf gegen den asketischen Rigorismus erst die Entwicklung der profanen Künste im Rahmen des Judentums möglich machte, war doch eine durch und durch jüdische Bewegung. Wohl predigte sie Annäherung, ja Anglcichung an Europa, aber noch mit ihrer Verneinung und ihrem Spott war sie an die jüdische Welt gebunden und von dem Indifferentismus der schon assimilierten wesljüdischeu Kreise, aus denen Pissarro ebenso wie Liebermann hervorgingen um mehr als (>in Jahrhundert entfernt. Ein merkwürdiger Mensch mußte Goltliebs Vater gewesen sein. Es ist wahr, Schönheit und Kunst gehörten zu den Losungsworten der neuen Richtung und im Prinzip war eigentlich der Künsllerberuf höchste Erfüllung der liaskalistischen Bestrebungen, da er wie kein anderer tätige Abkehr von allem Jenseils, und hieße es nur Tradition, bedeutete. Ein anderes ist es aber, von Schönheit schwärmen oder im Nebenberuf, wie es alle liaskalistischen Schriftsteller taten, Novellen und Gedichte schreiben, und ein anderes, sein Kind Kunst und noch dazu die ungewohnteste der Künste, die Malerei, als Lebensinhalt wählen zu lassen. Das Wagnis war kühn. Es galt, das Leben auf völlig Unerprobtes zu stellen. Und keine Glorie wie sie in der nicht jüdischen Welt seit der Renaissance trotz aller Vorurteile doch den Beruf des Künstlers umstrahlt, milderte die Schwierigkeit des schicksalhaften Entschlusses. Goltliebs Vater wagte den Sprung; vielleicht gaben ihm eigene verschüttete Kiinstlerträume die Kraft dazu. Zum Entsetzen der nahen und zum befremdeten Staunen der weiteren Umgebung ließ er den kleinen Buben, dessen Zeichenwut schon in der Volksschule Aufsehen erregte, auch noch privat zeichnen lernen. Er erließ bald dem Jüngling, dessen Talent sich in fiebrigem Tempo entwickelte, Gymnasium und Universität und schickte, auf eine akade-

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