Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Moritz Gottlieb
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 4)
- Language
- German
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MORITZ GOTTLIEB 73 wiedergibt. Doch dieses Bild bedeutet uns mehr als nur einen Umschwung im Leben eines, wenn auch des ersten osl jüdischen Künstlers. Es ist ein historisches Ereignis. Und zwar nicht nur deswegen, weil hier zum allerersten Mal — wenn wir von Rembrandt absehen —• ein Jude in seiner Tracht und seinen Gebärden nicht, wie bisher auf den Fliegenden Blättern der Kirchweih- und Jahrmarktfeste, als ZicLscheibe des Spottes, sondern als malerisches Sujet in allem Ernst behandelt wird, dein Edelmann, König und Gesandten ebenbürtig. Weit noch über die Statuier» ng der Gleichberechtigung des Juden in und vor die Kunst, die durch die Betenden Juden mit einem Schlag durchgesetzt war, geht der Sinn dieses Werkes. Es war, ideeil genommen, ein Wendepunkt der Haskalah. Nach dem Herumschwarmen In der .,Welt" eine Rückkehr zum Judentum, und gegen ihre schambeladene Parole: sei ein Jude zu Hause und ein Mensch außer Hause und im Gegensatz zu ihrer vernichtenden Kritik des jüdischen Lebens — seine pietätvolle Schilderung und Verherrlichung in aller Öffentlichkeit. Es stellte obendrein eine reale Beziehung zwischen dem Judentum und der Kunst her. Der Matejko-Schüler und der Porträtmaler Gottlieb waren für die Judenheil seiner Heimat ein mehr oder weniger interessantes Kuriosum, zu einem lebendigen Wert wurde er erst als Maler der Betenden Juden. Selbst die hebräische Presse besprach diese erste malerische Schöpfung, die man allgemein als dem Judentum zugehörig fühlte, und ihre Reproduktionen drangen in Häuser, in denen es kaum noch Photographien und sicher keinen anderen Wandschmuck gab. Jünglinge aus dem finstersten Ghetto wußten von diesem Bild und traute sich einer, von dem Dämon der Kunst beherrscht, über die schmale Brücke1, die nun das Judentum mit der Plastik verband, so wußte er sich drüben nicht allein. Es winkte ihm dort ein Vorgänger, an dessen Werk er anknüpfen konnte. So wurden die Bei enden Juden" traditionshildend. Scharen von jüdischen Malern sind an ihnen erzogen worden und haben in ihrem Geiste weiter gearbeitet. Dies Werk, trotzdem es seine Stilelemente aus nichtjüdi.schem Kunstempfinden bezieht, als Anfang einer lebendigen jüdischen Kunst zu bezeichnen, besteht also volle Berechtigung. Um so mehr, als Göttlich selbst immer tiefer ins Judentum eindrang. Die Predigt Christi im Tempel, in der er — für damalige Zeiten eine Kühnheit sondergleichen — Jesum als Vollbluljudeii auffaßt und sich als seinen verständnisinnigen Hörer inmitten einer bunten Hebräermenge darstellt. ..Shylock und Jessica", die kleine Judcnhochzeit und gar das Auloporlrät als Ahasver, ein beredtes Gegenstück zu jenem ersten Selbstbildnis als polnischer Ritterknabe —■ zeigen eine immer steigende Verinnerlichung. Eine neue Darslellungsweise scheint aus dem neuen Sujet herauswachsen zu wollen. Gottlieb, der Meisterschüler, der bisher ebenso Meisler wie auch Schüler war. wird nun allmählich flügge. Farbenpracht weicht immer mehr tiefer Tonigkeil, und Gesten festgehaltener seelischer Atmosphäre. Betreten durfte er das Land des neuen Stils, das er vielleicht ahnte, nicht. 2o Jahre alt, erlag er einem zufälligen Tode, dessen brutale Sinnlosigkeit so unerträglich war, daß Gerüchte ihn Mörderhänden zuschrieben. Immer noch faßbarer schien böser Menschenwille, als die Gleichgültigkeit des kalten Mechanismus, der dies junge Lehen jäh abbrach. Mehr als ein Jahrzehnt erst nach Gottliebs Tode kehrten große Scharen des Ostjudentums, durch die russischen Pogrome aus ihren naskalahtiäumen aufgescheucht, heim zu den geschmähten Zelten Jakobs. Noch später, erst als die Erschütterungen der DreyfusafTäre die Seelen feinhöriger machte, suchten auch Westjuden massenweise jenen Weg, den als einsamer Vorposten einst der junge Gottlieb, ein Kind noch, allein betrat. Daß es ein Maler gewesen ist, der dem Judentum der letzten Epoche sein Schicksal vorgelebt, bleibt eine der sinnigsten Merkwürdigkeiten unserer Geislesgeschichle. Bloß gilt es, Zeichen lesen zu können. Aurel ie Gottlieb