Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Nietzsche und das Judentum
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 10)
- Language
- German
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68 MENORAH l o n waren) des Abendlandes, das heißt: es rangen Okzident und Orient um den Medient. Dafür war Nietzsche das letzte mögliche Phänomen. Er trug einen tieferen Haß in sich gegen das eigentliche (plastische, apollinische) Griechentum, als gegen das eigentliche (musikalische, dionysische) Judentum. Ja, daß er den Komplex seines Kampffeldes eingegrenzt hat in: Buddha, Sokrates, Zoroaster, Christus; daß er alles betonte, was hinter diesen lag, zeigt erst recht, daß er sich — psychologisch — für den Geist des Judentums entschied. Man könnte sagen: Dionysos war doch der indische Schiwa; das vorsokratische Zeitalter der Griechen war doch asiatisch, nicht europaisch; vor Athen waren doch nicht die Juden die Schöpfer der griechischen Kultur. Aber alles das spielt ja gar keine Rolle. Nietzsche hat das Phänomen des Griechentums zum Ausgang genommen, weil man in seiner Zeit kaum eine andere Kultur zum Ausgang nehmen konnte. Wichtig ist: daß das Judentum in sich abgeschlossen das Paradigma der Mentalität Nietzsches ist; daß Judentum und Nietzsche psychologisch zusammenfallen; daß Nietzsche vom griechischen Logiker zum jüdischen E t h i k e r geworden ist („griechisch" und „jüdisch" hier nur i 11 u- .strativ, nicht normativ); daß Nietzsche ein Prophet ist und kein Rationalist. Sein Philo semitismus ist dabei einer seiner phänomenalen Instinkte, den er trotz seiner scharfen Problemstellung: Herrenmoral — Sklavenmoral aufrecht erhielt. Das Problem des Ubermenschen kann ich hier nun ganz klar formulieren. Nietzsche kämpfte mit Griechentum und Judentum. Im Griechentum sah er den Polytheismus und verherrlichte ihn. (Ich entsinne mich einer Stelle, bei der er den Polytheismus in entscheidender Weise mit dem Individualismus in Zusammenhang brachte.) Im Judentum sah er — zunächst — den M onotheis m u s und bekämpfte ihn. Von dieser Kontroverse ging er aus. Es waren die plastischen Einzelgötter (die bezeichnend genug anthropomorphe Gestalt und Eigenschaften hatten) gegen den musikalischen E i ii g o 11 (der bezeichnend genug schlechthin gestaltlos war und deshalb nicht nachgebildet werden konnte und durfte). Hier rang der Plastiker Nietzsche mi t dem M u s i k e r. Der frühere Nietzsche, der das Ideal des Übermenschen konzipierte, sah ihn konkret, als plastisch Möglichkeit. Aber schon in dem Zarathustra zerann er ihm unter den Händen. Und das Fazit hat er dann