Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Nietzsche und das Judentum
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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NIETZSCHE UND DAS JUDENTUM 69 so gezogen: „Zu Mittag war's, da wurden Eins zu Zwei, und Zarathustia ging an mir vorbei.'6 Hier ist ihm der plastische Typus des Übermenschen zerronnen zu einem Phantom, zu einer Idee, zu einer unbestimmten dämonischen R i c h t u n g, zu einem E i n g o 11. Alles biologische und physiologische Gerank im Wille zur Macht" ist nur noch Reminiszenz aus der frühesten Konzeption des Übermenschen. Der konkrete Übermensch wurde ihm zum abstrakten Über-Menschcn. Und von hier ab hatte das „Judentum" über sein „Griechentum" gesiegt. Von hier ab setzte er an die Stelle der plastischen Vielgötter den dynamischen, musikalischen Eingott. Zum Schluß noch etwas über Nietzsches suggestive Sprachkraft, die ich bereits im Eingang berührt habe: Nietzsches Sprache hat zwei unmittelbare Quellen: die lutherische Bibel und — Heinrich II e i n e. Die lutherische Bibel ist nicht nur das Urbild für den literarischen Stil des Zaralhustra, sondern auch für die rhytmische Urgewalt der gesamten späteren Prosa. Was ist aber das, was Luthers Übertragung von allen späteren Versuchen abhebt? (Ich nehme I> u bers liebraisierte Eindeutschung aus.) Es ist der prophetische Atem, die vollendet alttestamentarische Musikalität der Sprache. Und gerade das ist es, was Nietzsche von der lutherischen Bibel übernommen hat. Über den Einfluß der Heineschen Prosa haben wir aber ein Selbstzeugnis Nietzsches, das wir am besten wörtlich wiedergeben: ,.Ecce homo" Seite 341, Aph. 4: „Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag, — ich schätze den Wert von Menschen, von Rassen darnach ab, wie notwendig sie den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. — Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, daß Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind — in unaussprechbarer Entfernung von Allem, was bloße Deutsche (er zählte sich also nicht zu den bloßen Deutschen!) aus ihr gemacht haben." In der Götzendämmerung nennt er Heine ein „europäisches Ereignis". — Der sprachlich-formale und inhaltlich-kongeniale Einfluß Heines auf Nietzsche scheint mir geradezu unabmeßbar zu sein. Beide haben eine absolute Gleichung in sich, nur daß Nietzsche mehr Philosoph war, Heine mehr Dichter. Die Zitate und Seitenzahlen aus Nietzsches Werken sind der Klassiker-Ausgabe von Alfred Kröner, Leipzig, entnommen.