Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Zwischen den Fronten
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ZWISCHEN DEN FRONTEN 43 und schweren Bedingungen erworben, neue Möglichkeiten zur Ausdehnung und Entwicklung der Siedlung schaden werden; Möglichkeiten, die zwar etwas unklar waren, die wir aber in unserer Phantasie als groß bewerteten . . . Jedoch niemand unter uns hatte es ermessen können, daß sich der Krieg vier Jahre lang hinziehen würde. Und viele sagten: Sobald nur ein einziges Kriegsschiff kommt, werden wir die ersehnte Freiheit erlangen. Und dieses Kriegsschiff sehnten dann alle Einwohner des Landes herbei, Juden und Christen nicht minder als Mohammedaner . . . Wir Juden wußten wohl, daß uns auf diesem türkischen Frontabschnitt schlimme Tage bevorstanden, aber wir konnten uns nicht einen Teil dieser Seelenqual ausmalen, die wir hernach infolge der einander widersprechenden und von uns zu erfüllenden Befehle zu erdulden hatten. Nach außen waren wir gezwungen, türkische Patrioten zu sein und dem Dreibund zum Siege zu verhelfen, im Innern aber wünschten wir der Entente Glück und Erfolg. „Wir sind im Osten und unser Herz im Westen'4, konnten wir, die Verse des Dichters variierend, von uns sagen und lebten ein Marannenlebcn , . . Nach außen veranstalteten wir Sympathiekundgebungen für die Türkei, und im Geheimen verfolgten wir mit Spannung die Erfolge der französischen und englische]i Armeen und erhofften ihren Sieg. In der Praxis erfüllten wir unsere Pflicht als treue türkische Staatsbürger, in Gedanken, zutiefst in unserem Innern jedoch reifte die Hoffnung, daß uns mit dem Siege der Entente Hilfe und Erlösung kommen werde, besonders von seilen Englands, das die Bibel und ihr Land verehrt, und wahrscheinlich auch ihr Volk. Und dieser seelische Zustand, so sehr wir uns auch bemühten, ihn zu verbergen, mußte sich im täglichen Leben äußern. Er gab sich kund teils durch begangene Unvorsichtigkeiten, teils durch die Schnüffeleien der damals sehr zahlreich gewordenen türkischen Geheimpolizei. Kam ein Kriegsschiff mit französischer oder englischer Flagge am Hafen vorbei, so rief ein Zuschauer: ,,Das ist unser Schiff! ..." Eines Tages stattete ein hoher türkischer Würdenträger einem jüdischen Notabein, der türkischer Staatsbürger geworden war, einen Besuch ab, und während der Herr und die Frau des Hauses dasaßen und die Erfolge der Türkei und die Aussichten ihrer Truppen besprachen, sowie die Fortschritte des Dreibunds an allen Fronten und die glänzende Zukunft, die Palästina unter dem Schutze der Türkei und Deutschlands bevorstünde, trat plötzlich das Kind mit der Frage ein: „Und wann, Papa, werden endlich die Engländer kommen und.