Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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QUER DURCH AMERIKA 11 zu bestreiten und alles im Hause zu haben, was das Herz begehrt — denn ihr ganzes Denken ist der Mann, das Haus und die Kinder. So übt sie still und treu den Beruf, für den sie erschallen wurde, mit der reinen Liebe ihres Herzens und mit den reinen Polstern und Deckchen ihrer Schränke . . . So wurde das Leben eines kleinen polnisch-jüdischen Städtchens mit all' seiner Naivctät und Reinheit von den Ufern der Weichsel an das Ufer des Mississippi verpflanzt. In einem dieser Häuschen lernte ich eine Judenfrau aus Warschau kennen, die mit Amerika Krieg führte. Ihre Waffen waren ein Walkholz und ein „Zeenu — ureenu", die Frauenbibel; beide hatte sie aus Warschau mitgebracht und hielt sie in dem kleinen Küchenschrank verschlossen, zusammen mit den anderen Geräten des kleinen Heiligtums, das ihre Küche war. Der Krieg mit Amerika ging um den Sabbat und die „Jüdischkeit". Amerika wollte ihr den Sabbat und die „Jüdischkeit'6 nehmen und die Judenfrau wehrte sich dagegen. Ihren Schutz gegen den Ansturm Amerikas aber bildeten die zwei alterprobten Wallen: das Walkholz und das „Zeenu — Ureenu". Alles hatte sie in diesem Kriege schon verloren, die älteren Kinder sowohl wie die jüngeren, und jetzt war es beinahe so weit, daß sie auch noch den Mann verlieren sollte. Doch die Judenfrau aus Warschau hielt wacker stand und ergab sich nicht. Der Krieg hatte damit begonnen, daß ihr ältester Sohn Jojne, der den Eltern die SchiiTskarten geschickt hatte und in dem neuen Lande der Ernährer des ganzen Hauses war, am Sabbat zu arbeiten begann .. . „Wenn er am Morgen aufstand, und ohne zu beten, mit unbedecktem Haupt den Kaffee hastig hinuntergoß, seufzte ich schwer, aber ich verzieh es ihm" — erzählt mir die Frau ganz naiv mit trauriger Miene — ,,lch betete eben zweimal, einmal für ihn und einmal für mich, und flehte nur, Gott möge ihm vergeben. Als ich aber sah, daß mein Sohn am Sabbat arbeiten geht, da war es mit meiner Langmut zu Ende." „Wohin gehst du, mein Sohn?" — fragte ich. „Mutter, Amerika ist nicht Warschau! Hier muß man arbeiten, sonst zahlt Gott keinen Wochenlohn." „Aber nicht in meinem Hause, das will ich nicht erleben!'* — sie verschloß die Tär, nahm das Walkholz in eine Hand, die Frauenbibel in die andere, faßte bei der Tür Posto und ließ den Sohn nicht über die Schwelle.