Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 5)
- Language
- German
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QUER DURCH AMERIKA Augenmerk zuzuwenden und sie in die banalen Formeln des Herkömmlichen zu pressen. Seither sind die Männer genötigt, sich mit ihren Frauen „trauen" zu lassen. Krieg und Militärdienst lehnen sie ab. Dennoch wurden sie im letzten Kriege gezwungen, in die Armee einzutreten. Doch eines ihrer ältesten Mitglieder, ein Greis mit einem langen lockigen Judenbart, erklärte mir — und dabei glänzte das Licht des Glaubens in seinen Augen: ,,Gott war mit uns. Ehe noch unsere Brüder ins Feld geschickt wurden, war der Krieg zu Ende." ,,Gott bewahrte uns davor, Blut zu vergießen" — fügte ein anderer hinzu. Die Bewohner der Kolonien sind zumeist ältere, vom Leben müde Leute, denn die heranwachsende Jugend bleibt nicht in der Kommune. Sogar der Sohn des Propheten Benjamin hat dem Hause Davids" den Rücken gekehrt und führt jetzt, wie man mir erzählt, in Paris ein lustiges Leben. Es gibt aber auch junge Leute, zu denen der Ruf des Propheten gedrungen ist und die sich im ,,Hause Davids" niedergelassen haben. Ohne Zweifel werden die meisten, die hieher kommen, von tief religiösen Empfindungen dazu veranlaßt. Denn die Gesichter der ,,Bnei Israel" (die übrigens kein Fleisch essen) sind nicht nur durch den langen Bart und das lange Haar, das sie wie Frauen in Zöpfe geflochten tragen, sondern vor allem durch das Licht des Glaubens, das aus ihnen leuchtet, zu edler Feinheit verschönt, die an die Gesichter heiliger jüdischer Männer gemahnt. Ein junger Deutscher, den ich dort sah, hat ein Gesicht, das ich nie vergessen werde: die saphirblauen Augen klar wie ein Bergbach; das rote Haar glänzt wie eine Feuerflamnie, das schmale reine Asketengesicht ist von einem feuerroten Bart umgeben, der es wie ein Heiligenschein umkränzt. Ich begegnete ihm im Wintergarten, wo er junge Stecklinge umsetzte. Er erinnerte an eine der mittelalterlichen in Holz geschnitzten und farbig bemalten Christusfiguren, die in alten deutschen Kirchen zu linden sind. Bei seinem Anblick sagte ich mir: Wäre ich eine Frau, ich wollte sofort eine Tochter Israels werden und mich im ,,Hause Davids" ansiedeln . . . Im „Hause Davids", wie die Kolonie der Bnei-Israel genannt wird, dünkt man sich ins alte Erez Israel der Vorzeit versetzt. Die Gesichter, denen man begegnet, sind jüdisch, rabbinisch, vor allem durch die Bärte und Schläfenlocken. Auch die Straßennamen sind jüdisch: Eine Gasse heißt ,Jerusalem", eine andere ,,Zion", eine dritte