Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 MENORAH Volke" — natürlich, wenn du gut und fromm bist, dein Vermögen Benjamin übergibst und Mitglied seiner Kommune wirst. ,,Aber dann und wann stirbt ja doch jemand?" — frage ich den Stellvertreter des neuen Abraham. „Das ist ein Zeichen, daß er nicht von den Bnei Israel stammt und nicht hiehergehört hat." „Und wenn nun Benjamin selbst stirbt?" — frage ich hartnäckig. „Benjamin wird nie sterben" — erklärt mein Gewährsmann in bestimmtem Ton. — „Er kann nicht sterben, denn er stammt von den Bnei Israel." „Aber was wird geschehen, wenn er dennoch stirbt?" — ich beharre auf meinem Skeptizismus. „Dann, dann . . ., ja, ich weiß nicht, was dann geschehen wird" — lautet die Antwort. Doch wenn ihr dem Manne in die großen blauen Augen schaut und den majestätischen blonden Bart in seinem leuchtenden Antlitz betrachtet, wenn ihr diese vibrierenden Nasenflügel, diese beweglichen vollen Lippen sehet, — dann seid auch ihr überzeugt: Benjamin wird nie sterben, Benjamin wird immer wieder lebendig werden. Bisher haben sich etwa tausend der „Kinder Israels" in Davids Hause gesammelt, zumeist Farmer, die aus nur ihnen bekannten Ursachen ihres bisherigen Lebens müde geworden sind und mit ihrem Kreise gebrochen haben. Offenbar von religiösen Stimmungen und von innerer Unruhe getrieben, haben diese Suchenden ihr Geld, ihre Arbeitskraft und ihre Zukunft Benjamin überantwortet. Alle tragen große ungeschorene Bärte und lassen sich Haar und Schläfenlocken lang wachsen. Das verleiht ihnen eine gewisse Ähnlichkeit mit den Juden — nicht denen Amerikas, sondern den osteuropäischen. Die große Bodenfläche, die ihnen zur Verfügung steht, haben sie in eine Stadt mit lausenden von Acres hochkultivierten Landes verwandelt, das sie mit ihren Kräften, wohl auch mit ihrem Glauben und ihrer religiösen Ekstase fruchtbar gemacht haben. Ihr Besitz gilt als der am besten bearbeitete in den Vereinigten Staaten. Das Obst und Gemüse, das sie ziehen, findet im ganzen Lande Abnehmer. Sie wohnen gemeinschaftlich in der mit einer Mauer umgebenen kleinen Stadt, die zu betreten streng untersagt ist. Über dem Stadttor steht in großen Goldbuchstaben das Wort „Jerusalem". Sie leben in einer Kommune. Dem entsprach auch bis vor kurzer Zeit ihr Privatleben und so griff denn prompt die Regierung ein, deren Aufgabe es ist, jeder neuen und interessanten Lebensform, die durch neue Strömungen hervorgebracht wird, ihr