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Menorah · 1931-11-01 · Heft 11-12 (November 1931) · p. Seite 555

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 11-12 (November 1931)
Article
Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
Date
1931-11-01
Page
Seite 555 (sequence 11)
Language
German
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DIE SEELISCHE SITUATION DER JÜDISCHEN JUGEND 555 von Volkshochschulen und Jugendheimen sollen hier nicht wiederholt werden. Soweit der Jugend mit finanziellen Mitteln geholfen werden kann, fehlt es der jüdischen Öffentlichkeit nicht am guten Willen. Hier hängt das meiste von der wirtschaftlichen Entwicklung ab, auf die wir keinen Einfluß haben. Was aber die seelische Beeinflussung der Jugend durch die ältere Generation betrifft, so sind wTir ebenfalls nicht in der Lage, schnell und unfehlbar wirkende Mittel zu empfehlen. Der Unglaube der Jugend — nicht nur in religiös-kultischer Hinsicht, sondern Unglaube gegenüber allen überindividuellen, menschheitlichen Werten — läßt sich nicht durch planmäßige Beeinflussung und autoritative Führung bekämpfen. Die Jugend muß sich selbst helfen. Nachdem ihr die objektiven Ideale zusammengebrochen sind, muß sie sich in gemeinsamer Arbeit ihre Ideale neu gewinnen. Soweit sie zu solchem Streben noch keine Neigung hat, lasse man ihr Zeit. Durch die Hinwendung zu Sport und Technik schafft sie sich zunächst die seelische Ruhepause, die sie braucht. Allmählich — so hoffen wir -— werden die Ereignisse der Zeitgeschichte stark genug sein, um den einzelnen jungen Juden zu neuer Auseinandersetzung mit der Welt und mit sich selbst zu zwingen. Dann werden viele ihre menschliche und jüdische Aufgabe wieder erkennen. Und dann werden sie selbst nach Autorität und Führung verlangen. Aber als Führer werden sie nur Persönlichkeiten anerkennen, deren Worte durch ihr ganzes Leben Bestätigung und Rechtfertigung finden. Wenn nur in jeder jüdischen Gemeinde wenige wahre Persönlichkeiten an der Jugend arbeiten, dann kann manches aufgebaut werden, was die letzten zwei Jahrzehnte zerstörten. Aber noch wichtiger ist es, unsere Jüngsten, die heute noch Kinder im Elternhause sind, so zu führen, daß sie vor dem geschilderten Bruch bewahrt bleiben. Das wird nur bei sehr viel gutem Willen der älteren Generation möglich sein. Jüdische Eltern sollten zu ihren Kindern möglichst wenig von Religion und Sittlichkeit reden und ihnen möglichst viel davon vorleben. Ernst und Tapferkeil in der Lebensführung", eine stolze jüdische Haltung und Ehrfurcht vor dem Heiligen, wirken erzieherischer als viele Worte. Trotzdem wird jedes Kind mit zunehmender Reife entdecken, daß seine Eltern, wie alle Menschen, Fehler haben. Aber wenigstens darf es nicht durch Frivolität, religiös-sittliche Indolenz und schwerwiegende Widersprüche zwischen Worten und Taten enttäuscht werden. Es muß sehen, daß die Eltern sich strebend bemühen, daß sie den großen Fragen des Lebens nicht ausweichen, und endlich daß sie innerhalb ihrer Anschauungen dem Judentum einen würdigen Platz einräumen.

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