Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 554 (sequence 10)
- Language
- German
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554 MENORAH mich Idealen, nach Geist und Gefühl aussieht, ablehnt und verlacht und die gelegentlichen Bekenntnisse seiner Eltern zu einem religiös gefärbten Idealismus als Heuchelei und bürgerliche Sentimentalität in Grund und Boden verdammt. Er wendet sich nun mit besonderem Eifer dem Sport und der Technik zu. Hier gibt es keine Illusionen und Lügen, hier ist alles ,,reell". Das ist der seelische Bruch, den viele Jugendliche, die der zweiten Gruppe angehören, bereits hinter sich haben. Historisch gesehen ist eine ganze Generation von diesem Bruch der Seele betroffen worden. Krieg, Inflation und Wirtschaftschaos haben in der Seele der Menschen, die um die Jahrhundertwende geboren wurden, den oben geschilderten Umschwung hervorgerufen und die bis dahin herrschenden Ideale widerlegt. Es hat sich gezeigt, daß die von den Menschen des 19. Jahrhunderts proklamierten Werte den Ereignissen des 20. Jahrhunderts nicht stand gehalten haben. So ist es kein Wunder, daß die während dieser Entscheidimg herangewachsene Jugend auf die Werte und auf die Menschen schlecht zu sprechen ist. Auf die Werte, weil sie sich als unbrauchbar erwiesen haben, und auf die Menschen, weil sie sich in spießbürgerlicher Eitelkeit mit ihnen geschmückt hatten. In Wirklichkeit haben nur die Menschen versagt, da sie den ewigen, keineswegs widerlegten Idealen nicht die Treue halten konnten. Denn Treue gegen ein Ideal verlangt, daß man es immer wieder von neuem formt und gestaltet, so daß es auch einer veränderten Zeit etwas zu sagen hat. Die hier angedeutete Entwicklung ist der Kern eines Vorganges, der als Kulturkrise bezeichnet wird. In der Kulturkrise steht die gesamte Jugend der heutigen Menschheit, besonders stark die Jugend Deutschlands, des Landes, das die Wirkung der Katastrophen des 20. Jahrhunderls am schmerzlichsten spürt. Innerhalb der deutschen Jugend ist es wiederum die jüdische, die am tiefsten von der Krise erfaßt ist, und zwar vor allem aus Gründen der seelischen Veranlagung: infolge der stärkeren Gläubigkeit des jüdischen Kindes, des ernsteren Verwirklichungswillens des Heranwachsenden und der schärferen kritischen Begabung des erwachsenen jungen Menschen. Wie weit politische Anfeindungen, gesellschaftliche Isoliertheit und wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit hierbei verschärfend mitwirken, dürfte aus dem Vorstehenden deutlich geworden sein. VV as können wir tun, um der Jugend zu helfen? Die schon oft erhobenen Forderungen an die jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbände nach Stellenvermittlung und Berufsumschichtung, Errichtung