Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 556 (sequence 12)
- Language
- German
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556 MENORAH Mit dem Eintritt in die Schule — meist sogar schon vorher — lernen unsere Kinder das Judentum von der negativen Seite her kennen, das heißt sie werden in milder oder krasser Form als Juden verunglimpft. Deshalb müssen sie schon vorher die positiven Kräfte des Judentums gefühlt und einen seelischen Halt daran gewonnen haben. Sie müssen sich in der jüdischen Welt so wohl und heimisch fühlen, daß ihnen später Haß und Hohn keinen seelischen Schaden mehr zufügen können. Elternhaus, Gemeindelebeii und Jugendgemeinschaften müssen unseren Kindern das jüdische Milieu und damit die schützende Atmosphäre schallen, in welcher ihre Gedanken- und Gefühlswelt gesichert ist. Die jüdische Jugend muß wissen, welcher Raum ihr innerhalb der menschlichen Beziehungen zukommt. Dadurch gewinnt ihre Seele Wurzelkraft, Sicherheit, Spannweite. Sie lernt ihr eigenes Wesen verstehen und bejahen und braucht nichts davon zu verdrängen. Sie braucht auch nicht ständig Verteidigungsstellung einzunehmen, um ihr Dasein vor sich selbst und vor der Welt zu rechtfertigen. Ohne zwischen Schüchternheit und Überheblichkeit hin und her zu schwanken, kann sie sich in dem selbstverständlichen Gefühl ihres Seins und So-seins frei und sicher bewegen. Wer aber der Jugend helfen will, zu dieser seelischen Situation zu gelangen, der möge sich vor zwei Fehlern hüten. Er soll nicht glauben, das Vertrauen der Jugend dadurch zu gewinnen, daß er ihr Lobeshymnen singt, als ob in der bloßen Tatsache des Jungseins schon Verdienst und Vorzug läge. Andererseits darf aber die Hilfe an der Jugend nicht mit der Geste der Überlegenheit und des herablassenden Wohlwollens erfolgen. Menschen, die im guten Sinne jung sind, wollen sich nicht umwerben und verherrlichen lassen, aber ebenso wenig wollen sie von oben herab befürsorgt werden. Wer ihnen helfen will, muß mit ihnen gemeinsam den Weg aus der Krise suchen, in der wir uns schließlich alle befinden. Der Kampf muß von allen und für alle geführt werden, und die Jugend muß lernen, unser gemeinsames politisches, wirtschaftliches und seelisches Dasein in einer Front mit uns zu verteidigen. Tapferkeit und Wahrheitsliebe sind die beiden Kräfte, die ans der Krise herausführen. Wahrheit muß sein bei der nüchternen und illusionslosen Betrachtung dessen, was ist, und dessen, was noltut. Tapferkeit muß sein in der Bereitschaft, umzulernen und neu zu beginnen, auch unter Opfern und Verzicht. Wer das vermag, wird spüren, daß er in den Reihen der Jugend steht und mit ihr eine bessere Zukunft erbaut.