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Menorah · 1931-11-01 · Heft 11-12 (November 1931) · p. Seite 553

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 11-12 (November 1931)
Article
Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
Date
1931-11-01
Page
Seite 553 (sequence 9)
Language
German
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DIE SEELISCHE SITUATION DER JÜDISCHEN JUCEND 553 tiluschimg. Der Jugendliche entdeckt, daß die moralische Weltordnung, — wenigstens in der primitiven Form, wie sie ihm geschildert worden ist — nicht richtig funktioniert. Er sieht ferner, daß seine eigene innere und äußere Stellung innerhall) der Welt durch den ihn umgehenden Haß höchst problematisch ist. Beides würde er verwinden, wenn er nicht die dritte Enttäuschung an seinen Eltern und Erziehern erlebte. Bei irgend einem konkreten Anlaß entdeckt er plötzlich mit tiefer Bestürzung, daß diese Menschen, die in ihn die ersten Keime für seine Ideale gepflanzt hatten und sie ihm aus Gewohnheit jetzt noch predigen, in allzu menschlicher Weise grade in dem Augenblick versagen, da von ihnen eine Bewährung durch die Tat verlangt wird. Eine furchtbare Kluft zwischen Idee und Wirklichkeit tut sich ihm auf. Mit der unbarmherzigen Schärfe der Jugend und der mangelnden Einsicht in die abhängige und schwierige Lage der Erwachsenen, richtet er seine Eltern in erbittertem Zorn und wirft auf sie den Verdacht, daß es ihnen mit ihren guten Lehren von Anfang an nicht ernst war. Viele Eltern machen durch ihre Hilflosigkeit die Situation noch schlimmer. Sie fühlen sich peinlich berührt von dem leidenschaftlichen Ernst, mit welchem ihr Kind religiös-sittliche Forderungen in die Tat umsetzen will. Ihre Verlegenheit verbergen sie hinter durchaus nicht boshaft gemeintem Spott über seine zweifellos noch unreifen und unklaren Weltbeglückungsideen", wobei sie oft zwischen ernstzunehmenden und unreifen Elementen nicht zu scheiden wissen. Dieser Spott verletzt das Kind aufs tiefste. Es erkennt oder glaubt zu erkennen, daß die ältere Generation ihre Ideale lediglich als Staffage und Dekoration benutzt hat, um die Nüchternheit ihres Erwerbslebens mit einem ideologischen Talmiglanz zu schmücken. Ein tiefer Riß geht von nun an durch seine Seele. Die Wirkung kann eine doppelle sein. Entweder, im günstigeren Falle, wendet sich der junge Mensch grade nach diesem Erlebnis mit gesteigerter Inbrunst seinen Idealen zu und versehließt sich vollkommen gegen die Umwelt, besonders aber gegen seine Eltern, die ihn enttäuscht haben. Oder aber er zieht aus dem Erlebten die Konsequenz, daß seine Ideale eine Kindertorheit waren, deren er sich schämen müsse. Er wird vernünftig''. Er entlarvt alle Ideale als eine Farce und beschließt, sein Leben ohne sie einzurichten. Aber damit hat er noch keineswegs den Anschluß an das Elternhaus wiedergefunden. Im Gegenteil, sein Widersland gegen die Eltern versteift sich noch. Denn im Unterbewußtsein grollt er ihnen noch wegen der Zerstörung seiner Kinderwelt. Diesen Groll betätigt er jedoch dadurch, daß er alles, was

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