Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 552 (sequence 8)
- Language
- German
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552 MENORAH Hingegen haben die anderen Unterschiede zwischen jüdischer und nicht jüdischer Jugend ihre Ursache in rein seelischen Tatsachen. Zwei Faktoren bestimmen die Seelenhaltung der jüdischen Jugend in einer seltsamen und recht interessanten Mischung: Kritik und Gläubigkeit. Das scheinen gegensätzliche Gaben zu sein und sind es auch auf einer niederen Stufe des seelischen Lebens. Daher die vielen unausgeglichenen und schwankenden Charaktere, die mit der Gegensätzlichkeit ihrer Anlagen nicht fertig geworden sind. Je höher aber ein jüdischer junger Mensch geistig-seelisch organisiert ist. desto mehr gelangt diese „Unvereinbarkeit des Zusammengehörigen" von Kritik und Gläubigkeit zur Synthese. So kommt es, datt unsere Jugendlichen im Allgemeinen trotz starker Regeisterungslahigkeit doch der Wirklichkeit nahebleiben. Die wertvollen Charaktere der dritten Gruppe bleiben vermöge ihres kritischen Sinnes vor einem allzu starken Ausarten ihres idealen Wollens in radikale Gedanken und Bestrebungen bewahrt. Der junge Jude, der nach Wahrheil und Gerechtigkeit strebt, verliert nicht den klaren Blick für das, worauf es ankommt. In der zweiten Gruppe scheint freilich nur die kritische Komponente zu herrschen. Das bedeutet aber noch nicht, daß die Komponente der Gläubigkeit völlig fehlt. Sie war in der Anlage fast immer vorhanden und ist gewaltsam verdrängt worden. Durch verständnisvolle Einwirkung könnte vieles davon wieder wirksam gemacht werden. Iiier nähern wir uns der Frage nach den Ursachen der seelischen Schäden unserer Jugend. Sie liegen meist in Erlebnissen von der frühesten Kindheit bis zum 16. oder 17. Lebensjahr. Das jüdische Kind wird im allgemeinen von Eltern und Lehrern im Sinne religiöser und sittlicher idealer Forderungen erzogen. Das geschieht nicht immer aus Begeisterung der Erziehenden für Religion und Moral, sondern oft aus familiärer Tradition und Konvention, nicht selten in plumper und selbst für Kinder zu primitiver Anwendung der ethischen Begrilfsgegensätze von Gut und Böse, Lohn und Strafe. Das Kind nimmt diese Begriffe und die daraus sich ergebenden Forderungen heilig ernst. Es grübelt über Gott und sein Gebot, es kämpft oft in seinem kleinen Herzen schwere Gewissenskämpfe. Mit der beginnenden Pubertät ist so manches jüdischen Kindes Herz übervoll von der Sehnsucht nach Wahrheil. Schönheit und Liebe, nach einer gerechten Lebensordnung, in der keine Unterdrückung und Schändung der Menschenwürde möglich ist. Es .gibt so manchen jüdischen Sechzehnjährigen, der wie Jakob Wassermanns Etzel Andergast auszieht, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. In diesem Lebensabschnitt ereignet sich eine dreifache Eni-