Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 551 (sequence 7)
- Language
- German
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DIE SEELISCHE SITUATION DER JÜDISCHEN JUGEND 551 Gerechtigkeit, herausgegrill'en und mit dem Sinn des Judentums identifiziert, Diese jungen Menschen halten sich in bewußter Einseitigkeit an einen Ausschnitt des Judentums und beschränken sich auf ein politisches Ideal. Oft vereinigen sich Zionismus und Sozialismus, nicht selten wird der ursprüngliche Zusammenhang beider mit jüdischreligiösen Elementen gewahrt. Jedoch führt auch in vielen Fällen der Sozialismus den jungen Menschen aus der jüdischen Verbundenheit heraus, weil er sich in politischem Doktrinarismus für verpflichtet hält, um der Arbeiterbewegung willen auf sein Judentum zu verzichten, - ein Irrtum, der schon oft widerlegt worden ist. Denn eine herrschende Kirche und einen politisierenden Klerus, diese beiden Faktoren, gegen die allein sich die berechtigte Abneigung des Sozialismus richtet, gibt es bei uns nicht. Die jüdische Religion kämpft für die Unterdrückten und steht in keiner Hinsicht im Gegensatz zum Sozialismus. Bedauerlicherweise verkennen dies viele junge jüdische Sozialisten. Sie fallen der sogenannten „roten Assimilation" anheim, obgleich ihre besten Seelenkrafte, die sie der Arbeiterbewegung zur Verfügung stellen, aus ihrem jüdisch-religiösen Erbteil stammen. ~VV"ir überblicken die drei Gr Lippen der jüdischen Jugend und müssen zunächst feststellen, daß sich die nichtjüdische Jugend in durchaus ähnlicher Weise einteilen läßt. Allerdings bestehen gewisse Unterschiede der Dynamik und des Schwerpunktes. Die dritte Gruppe der nichtjüdischen Jugend unterscheidet sich vor allem dadurch von der jüdischen, daß sie sich in weit stärkerem Maße politisch verengen und radikalisieren läßt und die haltlosen Elemente der ersten Gruppe an sich zieht, um aus ihnen Mitläufer eines kritiklosen, fanatischen Nationalismus zu machen. Die begeisterungsfähigen Idealisten auf der jüdischen Seite halten sich mehr im Bereiche einer rein geistigen, universalen Ideologie, wodurch es ihnen allerdings versagt bleibt, Bewegungen größeren Um langes zu schallen. Die Gruppe der ..Sachlichen'" ist bei uns noch kühler und konsequenter, noch freier von Sentimentalitäten, als die entsprechende Schicht der Umwelt. Von der ersten Gruppe der jüdischen Jugend, die wir als Genußmenschen aus Verzweiflung charakterisiert haben, ist schließlich zu sagen, daß sie sich mehr mit theoretischem Zynismus begnügt, während ein I lerabgleilen in materielle Verwahrlosung bisher relativ selten ist, und zwar olfenbar deshalb, weil die jüdische Familie vorläufig noch der allgemeinen Zersetzung besser standgehalten hat als die nicht jüdische und ihren erwachsenen Kindern noch einen leidlichen äußeren Halt gvwährl.