Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 550 (sequence 6)
- Language
- German
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550 MENORAH achtbarsten, aber nicht die zahlreichsten dieser Gruppe. Die Mehrzahl interessiert sich lediglich für die Sensationen in Sport und Technik, ohne selbst etwas Nennenswertes darin zu leisten. x\uch hier ist zu sagen, daß diese Passionen oft nur ein Ersatz für mangelnde innere Befriedigung sind. Wenn man freilich mit jungen Menschen des gekennzeichneten Typs über ihren seelischen Zustand spricht, so leugnen sie in der Hegel mit Entschiedenheit, daß sie überhaupt eine Sehnsucht nach innerer Befriedigung verspüren. Sie wollen religiöse und philosophische Probleme meist überhaupt nicht wahrhaben und rühmen sich zynisch, von solchen „Sentimentalitäten" frei zu sein. In vielen Fällen vergewaltigen sie sogar die natürlichen Gefühle der Liebe gegen Eltern und Geschwister oder behaupten jedenfalls, von „Familiensimpeleien" nicht angekränkelt zu sein. In Wirklichkeit handelt es sich nur um eine Verdrängung der besten Empfindungen, ein geistig-seelisches Phlegma, das mit dem Schlagwort der Sachlichkeit" zum Bange einer Weltanschauung erhoben werden soll. Während das entscheidende Kennzeichen der beiden ersten Gruppen eine Flucht vor der deprimierenden Wirklichkeit ist, darf man von der d ritten Gruppe sagen, daß sie die Wirklichkeit zu gestalten und die Not durch verstärktes geistiges Wollen zu überwinden sucht. Diese Gruppe wird von den ernsten Suchern und Idealisten gebildet, von denen, die sehnsüchtig nach Wahrheit und Gerechtigkeit ausschauen und bereit sind, hierfür zu kämpfen. Ihre Zahl ist klein, aber doch nicht so klein, wie manche meinen, die von der Jugend keine tiefere Kenntnis haben. Viele Jugendbewegte oder aus der Jugendbewegung Hervorgegangene gehören dazu, jedoch durchaus nicht alle. Viele stehen ganz allein, weil ihnen das spezielle Talent, in Jugendvereinigungen als Führer zu wirken, abgeht. Abgesehen von wenigen Einsiedlernatiiren, die sich in einer selbstgeschatfenen Welt künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit abschließen, besteht bei der Mehrzahl der jungen Menschen die Überzeugung, daß grade angesichts der schlimmen Eindrücke unserer Zeit eine neue Generation verpflichtet ist. mit mehr Aufrichtigkeit, mehr Güte und Selbstlosigkeit eine neue Welt zu erbauen. Hierzu gesellt sich fast immer die Überzeugung, daß uns Juden bei dieser Erneuerung eine besondere Aufgabe zufällt. Bisweilen hat diese ideale Grundrichtung einen ausgesprochen religiösen Charakter mit starker Hinneigung zum Kultus und zur orthodoxen Lebensform, oft trotz liberaler oder areligiöser Erziehung und sogar in kämpferischem Gegensatz zum entjudeten Milieu. Bei anderen wird e i n jüdisches Ideal, etwa das Ideal Zions oder der sozialen