Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Ahasver in Asien
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 538 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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538 ME N ORAH ten der schmutzigen gelben Hunde, die wie auf allen Straßen Bagdads hier zusammengerollt zwischen dem Kehricht lagen und die Nächte mit ihrem Geheul erfüllten. Oben hinter den eisenvergiüerten Fenstern der vorspringenden Erker hocken die Gestalten der jungen Jüdinnen, Gesichter von edler Schönheit unter dem tiefschwarzen Haar und blicken zwischen den halb geschlossenen Augenlidern lässig auf die Straße hinab. Über ihren Kleidern tragen sie die gleichen plumpen Gewänder wie die Muhammedanerin, und es ist ein Zeichen, wie stark die Juden Mesopotamiens im Laufe der Jahrtausende die arabische Kultur annahmen, daß die Bagdader Jüdin sich sogar verschleiert. Der kleine starre viereckige Rahmen, der dicht mit schwarzen Roßhaaren bespannt ist und mit einem goldenen Streifen umrandet, ist von allen verschiedenen Formen des Schleiers, denen man im Orient begegnet, sogar der häßlichste. Unförmig, gleich einem wandelnden Sack, der die Schritte der jüdischen Frau verzögert, ein gesichtsloses Wesen wie die Muhammedanerin, bewegt auch sie sich durch die helle Sonne der Straßen — ein ewig düsteres und geheimnisvolles Rätsel. Im Frühling des zweiten Kriegsjahres starb der deutsche Arzt Dr. Oberndörfer, ein Jude, in Bagdad. Er war mit dem Stabe des Feldmarschalls von der Goltz nach Mesopotamien gekommen, um die Leitung der türkischen Hospitäler zu übernehmen. Bei der Fliege der arabischen Soldaten hatte er sich an Fleckfieber angesteckt. Sein Begräbnis wurde zu einer gewaltigen Kundgebung der gesamten Bagdader Judenschaft. Niemals wieder hatte ich Gelegenheit zu erfahren, bis zu welcher hingebungsvollen Begeisterung das Gefühl der Zusammengehörigkeit in dem unstetesten Volke der Erde lebt. Es schien, als wollte jeder einzelne Jude Bagdads zeigen, mit welcher Treue er noch an seinem landfremden, fernen Bruder hing. Spät in der Nacht kamen zehn alte Juden, vornehme Männer mit weißen Barten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam des Arztes zu holen, der nach der Vorschrift ihres Gesetzes begraben werden sollte. Gebete murmelnd, den Sarg auf den Schultern, verschwanden sie in der finsteren Gasse, während ein Knabe vor ihnen mit einer Laterne wie ein Irrlicht huschte. In der Frühe des nächsten Morgens ging ich in die israelitische Schule. In einem Kellergewölbe lag der Leichnam entkleidet auf der bloßen Erde. Man hatte ein Schweißluch um die Stirn gebunden und