Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Dr. Arthur Schnitzler
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 495 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DR. ARTHUR SCHNITZLER 495 national, sozialistisch oder antisozialistisch sein, war er sich durch das Metaphysische seines Wesens, der Bedingtheit aller politischen Kämpfe viel zu sehr bewußt. In einem seiner vielen Entwürfe, die wie zu allen seinen Werken, auch zu seinem Bekenntnisroman: ,,Der Weg ins Freie*' vorhanden sind, steht der Satz: „Die Leute mit der Gesinnung waren immer diejenigen, die den Holzstoß angezündet haben für die Leute mit der Anschauung." Aus metaphysischen Gründen hat er wohl auch das große Ziel des Wiederaufbaues Palästinas als Heimat des jüdischen Volkes bezweifelt, denn er besaß einen zu starken, fast möchte man sagen ungläubigen Vorsehungsglauben. Palästina war für Schnitzler kein Besitz des jüdischen Volkes. Die Anschauung von einem idealen Besitz Palästinas, wie sie etwa Jehuda Halevy hatte, war Schnitzler bereits verloren gegangen. Es darf auch nicht übersehen werden, daß Schnitzlers Skeptizismus und Pessimismus sich eigentlich nicht auf Menschen, sondern auf das Menschenschicksal bezog. Daraus ergab sich bei aller Bewußtheit seines Judentums das Fernhalten von den Strömungen der jüdischen Renaissance. Eine gewisse Zurückhaltung, die Schnitzlers Wesen kennzeichnete, mag einer Art von Belastung durch das Judentum entspringen, die seine Schritte dämpfte. Er fühlte, daß er sich nicht zu weit vorwagen dürfe. Schnitzler besaß ein ganz persönliches Verhältnis zur Natur und zum Kunstwerk. Es war so persönlich, daß er es selten in Worte kleidete. Bezeichnend übrigens, daß er sich sehr viel mit den Problemen der Kunstkritik befaßte, aber niemals etwas darüber publizierte (von gelegentlichen Bemerkungen in seinen erzählenden Schriften abgesehen). Jedes Fleckchen Natur konnte Schnitzler begeistern und die Herbst¬ und Frühlingsfarben des Wiener Waldes waren ihm innig an die Seele gewachsen. Sie gaben seinem Werk auch fühlbare Landschaft, denn er besaß diese Landschaft wirklich, fühlte auch den schöpferischen Wert solchen Besitzes. Dies kommt wunderbar in einer Bemerkung zum Ausdruck, die Schnitzler in einem Gespräch kurz nach dem Tode Lenins machte. Da sagte er über Lenin und Trotzki: „Es fällt bei diesen Menschen auf, daß sie gar keine Einstellung zur Natur und Kunst haben. Das sind papierne Menschen. Es ist überhaupt ein Unglück, daß unser ganzes Zeitalter völlig unter dem Einfluß von papierenen Menschen steht."