Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 489 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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QUER DURCH AMERIKA 489 Menschenmenge stehe, das Gefühl, als bekäme diese Masse zwei Augen, die auf mich schauen. Vor diesen Augen kann ich nicht lügen. Diese Augen sieht man nicht, sondern man fühlt sie, .. Hier fühlte ich den Blick solcher Augen auf mir und schwieg lange . . . In einem versteckten Winkel des Hauses ertönt ein russisches Lied. Dort kauern zwei Mädchen, blond wie Bauerndirnen. Beide sprechen mit scharfem „r'\ tragen lange Zöpfe und haben die Ärmel aufgeschürzt. Sie sehen aus, als wären sie soeben vom Felde heimgekommen, hätten dort Heu gebündelt und schickten sich an, melken zu gehen. Sie singen eine melancholische kleinrussische Weise. Beide stammen aus der Ukraine. Die eine ist schon sechs Jahre, die andere acht Jahre in Amerika. Hier im Heim haben sie einander kennengelernt. Zum ersten Mal, seit sie in New York wohnen, sind sie auf dem Lande. Hier in den Bergen ist ihre Kindheit wieder vor ihnen aufgetaucht, die grünen Wiesen, die grasbedeckten Hügel und die murmelnden Bächlein der Ukraine. Voll Sehnsucht nach ihrer Kindheit haben sie sich der Liedchen erinnert, welche die ukrainischen Bauernmädchen singen. Jetzt sind sie unzertrennlich, essen zusammen, schlafen zusammen, gehen zusammen spazieren und singen ohne Unterlaß bei Tag und Nacht die melancholischen kleinrussischen Volkslieder, als wollten sie mit ihnen ihre Kindheit zurückrufen . . . Abseits von den anderen aber sitzen in einer Ecke drei Mädchen. Sie singen nicht mehr. Sie tanzen nicht mehr. Selten erscheint ein Lächeln auf ihren Lippen, Die glanzlosen übermüdeten Augen blicken sehnsüchtig auf die frohen, lachenden und singenden Insassinnen des Heims. Plötzlich glimmt in den Augen der einen der Funke des Neides auf, die Lippen verzerren sich zur Grimasse und aus dem Munde lugen schadhafte, mühsam durch Metall zusammengehaltene Zähne. Dann und wann wirft eines der lustigen Mädchen einen nachdenklichen Blick in die Ecke und schauert zusammen, in bebender Angst vor der Zukunft... Die drei Mädchen haben so lange Wäsche genäht, bis sie ihr Lachen, ihre Freude, ihre Jugend in fremde Kleidung hineingearbeitet haben. Die Wäsche, in der ihre Jugend eingenäht ist, hat andere Mädchen verschönt, sie selbst aber, als vortreffliche Weißnäherinnen gerühmt, haben ihre Jugend verloren . .. JLrie Nacht sinkt nieder und drückt das Tai an ihre Brust. Von unten her erhebt sich eine Wolke, einem zarten durchsichtigen Schleier gleich, und schwebt bald über Wipfeln und Gipfeln. Die Lichter der Puppenhäuschen im Tal schimmern durch das Dunkel. Die Mädchen