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Menorah · 1931-11-01 · Heft 11-12 (November 1931) · p. Seite 488

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 11-12 (November 1931)
Article
Quer durch Amerika
Date
1931-11-01
Page
Seite 488 (sequence 6)
Language
German
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488 MENORAH um sie sofort zum Tanzen zu bringen. Es ist, als erfüllte dieses Mädchen all ihre Sehnsucht, alle ihre Wünsche im Tanz. Sie kann nicht sprechen, sie kann nur tanzen. Was in ihrem Herzen singt und jubelt, das bringen die Beine im Tanz zum Ausdruck. Tanzend geht sie über die Treppe, tanzend setzt sie sich zum Essen. Sie tanzt in Gesellschaft und tanzt, wenn sie allein im Wald ist. Ich bin sicher — mitten in der Nacht, wenn alle anderen Mädchen schlafen, schlüpft sie heimlich auf die große Veranda, von der man tief ins dunkle, von den schweigenden Bergen umschlossene Tal hinabschaut, und tanzt im weißen Hemd für die Sterne und die Berge ... Eine andere wieder singt. Was sie singt, ist ihr einerlei, ob es das „Lied von den Margueritcn" ist oder „Wollen wir nicht wieder gut sein" oder die italienische Weise, die sie hier erlernt hat. Sie denkt weder an den Text noch an die Melodie dessen, was sie singt. In ihr s i ngt e s und was ihr Herz empfindet, das legt sie in die wenigen einfachen Volksliedchen, die sie kennt. Man empfindet — dieses Mädchen will etwas sagen, mit ganz anderen Worten als die ihrer Lieder; sie meint etwas anderes, denkt etwas anderes und singt etwas anderes. Und plötzlich ertönt im Walde das einfache jüdische Volksliedchen: „Wollen wir nicht wieder gut sein, wieder gut sein? Bist du mir wirklich böse?" Wenn dieses Mädchen das Lied singt, klingt es, als wollte sie etwa?» ganz Persönliches, Ureigenes sagen, etwas von sich selbst erzählen. . . Dafür gibt es hier eine andere, die kann schweigen. Nie im Leben ist mir ein Schweigen so ausdrucksvoll erschienen wie das dieses Mädchens mit den scharfgeschnittenen Brauen und dem reizenden ernsten Scheitelstrich in der Mitte des dunklen Haares. Sie sitzt ein wenig vorgebeugt, Kopf und Augen gesenkt, aber man hat den Eindruck, daß ihre Brauen alles sehen. Die schmalen Lippen sind fest aufeinandergepreßt und doch spricht sie. Alle lachen, freuen sich, singen, tanzen; nur sie allein sitzt stumm dabei. Und ich habe das Gefühl, als erzählte dieses Schweigen mehr als eines anderen Worte .. . Unvergeßlich bleiben mir zwei Augen, denen ich dort begegnete. Ich kann sie nicht beschreiben, denn ich habe sie nicht gesehen, son dem bloß gefühlt. Als ich zum ersten Male in einem Theater vor das Publikum trat, da schauten aus der schwarzen Masse, die im finsteren Zuschauerraum versteckt war, zwei Mädchenaugen auf mich mit so viel naivem Glauben, daß ich mich vor ihnen schuldbewußt und sündig fühlte und eine Zeitlang kein Wort hervorbringen konnte aus Angst vor diesen Augen des Glaubens. Seither habe ich, sooft ich vor einer

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