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Menorah · 1931-11-01 · Heft 11-12 (November 1931) · p. Seite 487

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 11-12 (November 1931)
Article
Quer durch Amerika
Date
1931-11-01
Page
Seite 487 (sequence 5)
Language
German
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QiUER DURCH AMERIKA 487 einem silberhellen Wasserfall zerrissen, der von Stein zu Stein talwärts hüpft und sich stets von neuem in tausend Fäden und Schnüre teilt Sie vereinigen sich immer wieder und stürzen brausend den Berg hinab. Das Heim bewohnen etwa vierzig jüdische und einige italienische Arbeitermädchen, einige junge Arbeiter und die Hausverwalterin, eine Deutsche. Sie macht — ich hoffe, daß ihr dies schmeichelt — den Eindruck, als wäre die Germania von ihrem marmornen Postament gestiegen und hätte Schwert und Schild abgelegt, um Verwalterin eines jüdischen Gewerkschaftsheimes zu werden. Doch wenn sie den Mädchen eine sozialistische Rede hält (das geschieht vor jeder Mahlzeit, sozusagen als Tischsegen, während des Essens als Toast und nach dem Speisen als Tischgebet) und die Macht des Proletariats rühmt, dann ist es, als hätte sie wieder Schild und Schwert in Händen und stehe auf ihrem Postament. Die Mädchen lassen sich übrigens von Germanias sozialistischem Donnerhall nicht gar viel stören — sie öffnen ihre schönen schwarzen oder goldblonden Zöpfe und zerstreuen sich Nymphen gleich im Grase und im Dunkel der Bäume. Es dauert nicht lange, da schreitet vom nächsten Wasserfall her eine blumenbekränzte Nixe heran, dann steigt vom Berg eine Waldkönigin nieder, die Arme mit einer Kette aus wildem Goldlack gefesselt. Und zwischen zwei mächtigen Ästen lugt verführerisch eine Baumnymphe hervor und zeigt lachend die weißen Perlen ihrer Zähne ... Wie wenig brauchen die Mädchen, um glücklich zu sein! Wer sie hier sieht, kann nicht glauben, daß sie ein ganzes Jahr an der Nähmaschine saßen, daß diese schlanken Rücken tagelang über den Werktisch gebeugt waren, daß diese schmalen Finger unaufhörlich die Nadel führten, daß diese blitzenden Augen zu nichts anderem als zum Einfädeln dienten. Jetzt ist es, als wäre all' dies nie gewesen. Nichts hat das innere Glück ertöten können, das Glück der Armen und Gerechten, das aus den Gliedern dieser jungen Mädchen sprüht. Nichts vermochte den hellen Jungmädchenglanz der Augen zu trüben, und ein Lufthauch, ein freier Atemzug, der Ruf des Waldes, das Rauschen des Wasserfalls — sie haben genügt, um den Werkstattstaub eines ganzen Jahres von den Mädchenköpfen wegzuwaschen. Und jetzt entströmt die Jugendfreude ihrer Brust wie ein Lied .. . (Fröhlicher als alle ist die Blonde mit den goldenen Zöpfen (ihren Namen nenne ich nicht). Sie ist biegsam wie eine junge Linde und kann nicht eine Minute lang ruhig stehen. Es genügt, daß jemand in einer Ecke ein Liedchen summt oder daß ein Vogel im Wald zwitschert.

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