Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 485 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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QUER DURCH AMERIKA 485 Die anderen vier Kinder sind noch zuhause, ihretwegen kann Chane- Sure keinen Untermieter nehmen, daher ist sie auf ihre eigene Arbeit angewiesen. Aber-- „Ich weiß nicht", — beginnt sie zögernd — ..in der letzten Zeit bin ich nicht recht beisammen. Ich begreife nicht, woher das kommt! Zwölf Jahre bin ich bei der Maschine hier gesessen" — sie deutet auf die mit Ölflecken übersäte Nähmaschine, die an der Wand steht — „und alles war in Ordnung, man konnte leben. Aber in der letzten Zeit habe ich starkes Stechen beim Herzen und die Füße sind wie zerbrochen — ich weiß nicht, woher ich das bekommen habe!" „Seit einem Jahr schon klagt sie über Herzbeschwerden" — fügt der Mann hinzu, der sich einigermaßen schuldbewußt fühlt, weil er infolge seiner Ungeschicklichkeit nur bügeln und nicht nähen kann — „Ich glaube, das kommt von einer Erkältung." „Der Doktor hat mir Herztropfen verschrieben. Anderthalb Dollar hat er mir abgenommen, mich kaum angeschaut und mir Herztropfen verschrieben!" — erzählt die Frau weiter und ihre gelben Augen in dem grauen eingefallenen Gesicht mit den stark hervorstehenden, fast zahnlosen Kiefern funkeln entrüstet — „Ich soll ausruhen, sagt er, viel liegen, jeden Tag ein wenig spazieren gehen, frische Eier essen! Da haben Sie einen Doktor! Ich soll liegen! Wer wird an meiner Stelle nähen?" „Und wenn sie nicht näht, habe ich nichts zu bügeln" — wirft der Mann in schuldbewußtem Ton ein, während er die Federn aus seinem Bart entfernt. „Bevor wir nach Amerika gekommen sind, hat man uns noch in Krementschug gesagt, in Amerika gebe es eine Society, die jedem, der nur will, ein Stück Boden unentgeltlich zur Verfügung stellt und ihm eine Farm einrichtet.. . Seit zwölf Jahren frage ich nach dieser Gesellschaft und niemand kann mir sagen, wo sie zu finden ist. Der eine sagt, — in New York, der andere, — in Kalifornien. Könnten Sie mir nicht sagen, wo diese Gesellschaft sich befindet?" „Jetzt wärmt sie alte Geschichten auf!" — wirft der Mann ein -— „Wozu mußt du das wissen? Wozu brauchst du Ochsen? Was wirst du mit ihnen anfangen?" „Soll ich also weiter an der Maschine sitzen, weiter Herzschmerzen haben und schwache Füße? Mußte ich deswegen von Krementschug über Meere und Bahnen ziehen und aus der Heimat in ein fremdes Land verschlagen werden? Amerika! Das alles konnte ich in Krementschug auch haben, aber dort war wenigstens ein Lufthauch zu spüren,