Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Quer durch Amerika
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 484 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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484 MENORAH Bücher unterm Arm und das Frühstück in der Hand, zur Schule. Dieses Bild paßte nicht zu der polnischen Landschaft. . . Als ich die Ufer des Erie sah, begriff ich, warum die Polen sich so gern im mittleren Westen ansiedeln, wenn sie nach Amerika kommen; ich begriff auch, wieso die polnische Sprache so häufig im Gebiet des Erie zu hören ist. Alles, was es in der alten Welt gibt, existiert auch in der neuen: jedes Land Europas hat in Amerika eine Schwesterlandschaft, und jede Nation, die in Amerika einwandert, sucht in der neuen Welt die Landschaft auf, die der ihrer Heimat ähnlich ist. Deshalb haben sich die Polen am Erie angesiedelt, die Deutschen am Michigansee. Und die Juden? Die Juden — in den schmutzigsten, heißesten Straßen in den ältesten Vierteln der Großstädte . . . Zwei Wochen lang mit der Eisenbahn, drei Wochen auf dem Schiff und dann noch drei Tage Bahnfahrt brauchte Chane-Sure mit ihrem Mann Nachman und den Kindern, bis sie aus ihrem kleinrussischen Heimatstädtchen am Dnjepr in die große Stadt St. Louis, im mittleren Westen am Mississippi kamen und in der Morgan-Street mitten unter Negern ihre Wohnung aufschlugen. Dort eröffneten sie einen kleinen „cleaning störe", wo die abgetragenen Hosen der Neger repariert wurden. Der Flickschneider ist Frau Chane-Sure aus Krementschug am Dnjepr. Sie sitzt an der Nähmaschine. Ihr Mann Nachman sagt mir mit verlegener Miene: „Nähen kann ich nicht, ich habe es nicht gelernt." Er bügelt, was seine Frau geschneidert hat. Seit zwölf Jahren wohnt die Frau in der Morgan-Street und hat während der ganzen Zeit kein Fleckchen grünen Rasen gesehen, keinen Tropfen fließendes Wasser in freier Natur, keinen Hauch von Feld und Wiese gespürt. Sie sitzt an dem mit Spinnwebe bedeckten Fenster in der Morgan-Street, flickt unaufhörlich alte Hosen für die Neger, und ihr Mann Nachman bügelt. Bei dieser Arbeit hatte Chane-Sure dennoch Zeit, zu den vier Kindern, die sie aus Krementschug mitgebracht hat, noch vier zu gebären. Zwei davon mußte sie begraben, zwei sind leben geblieben. Die ,,school-teachers" in Amerika sind Antisemiten — sie bestehen darauf, daß die Kinder sauber angezogen in die Schule kommen. So flickt die Mutter tagsüber die Hosen für die Kunden, nachts die Kleider der Kinder und besorgt überdies die Wäsche. Seit zwölf Jahren hat sie keine freie Minute, um Atem zu schöpfen. Die zwei ältesten Söhne sind bereits erwachsen, haben eine Hochschule beendigt und sind verschwunden — einer ist Verkäufer in Chicago, der andere reist irgendwo im Lande umher, keiner läßt von sich hören, — Amerika!