Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Dostojewski und die Judenfrage
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 465 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912908-2912914-2927279--10713-2927457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DOSTOJEWSKI UND DIE JUDENFRAGE 465 liebem Zusammenscharren des Guides, und — dur Zweck heiligt das Mittel —: All das wird ab höchstes Ziel anerka nnl. als das Vernünftige, als Freiheil, au Slelle der christlichen Idee: der Rettung einzig durch die engste sittliche und brüderliche Vereinigung der Menschen." Warum soll der Materialismus durchaus den Juden in Erbpacht gegeben. v\ erden? (iah es nichl. allerdings nach Dostojewskis Tode, die jüdischen Pazifisten Gustav Landauer und Wallher Raihenau? (Wir wagen nicht, hier Karl Marx zu nennen, um nichl in den allen Streit um die ideologischen Bestandteile seiner Lehre eintreten zu müssen.) Gab es nichl schon im zaristischen Rußland jenen jüdischen Staatsrat Bloch, der gerade als Finanzmann Pazifist und Philanthrop wurfi>e. einer der ersten Verfechter des Yölkerbundgedankens. dem Bußland nicht nur die Organisation seines Eisenbahnnetzes, sondern vor allem die geistig viel bedeutendere 'Jnilinlive zum Friedenswerk vom Haag zu verdanken hal? Line andere Gruppe von Argumenten Dostojewskis bewegt sich um die These von der angeblich jüdischen Ausbeulung herum. Den Juden sei die Ausbeutung sozusagen angeboren, sie hätten die befreiten russischen Bauern und die amerikanischen Neger ausgenutzt, sie hüllen die eingeborene Bevölkerung überall dort erniedrigt und verdorben", wo sie gleiches "Recht mit den anderen Staatsbürgern erhüben hätten. Dieser historische l'nsinn kann nur mit einem ..credo quin absurd um" erklärt werden, mit jener kirchlichfrommen Ergebenheit in vorgefaßten Meinungen, die sich allen tatsächlichen Argumenten automatisch verschließt. .Ta, Dostojewski versteigt sich sogar zu dem Satz: ,,Der Jude durch Vermiltlergeschäfle handelt mit fremder Arbeit. Ein Kapital ist angesammelte Arbeit; der Jude schlägt sein Kapital aus fremder Arbeil!" Wem käme da nichl ein Lächeln auf die Lippen bei dem Gedanken, daß just der Jude Karl Marx diese ökonomische Theorie vom Mehrwert und der Ausbeutung fremder Arbeit zum Schiboleth der sozialistischen Bewegung erhoben bat? In der Yerkennung ökonomischer Talsachen liegt wohl der wesentlichste Konstruktionsfehler der Anklagen Dostojewskis. Aber wenn mau alle diese, wie gesagt, nicht neuen Fehlargumente beiseite läßt, so bleibt bei genauer Lektüre der Doslojewskischen Arbeil noch etwas anderes übrig, das sich an den verschiedensten Stellen in merkwürdig verschwommener Weise zu erkennen gibt. Fr ist besessen von einer Arl fixen I d e e e i n v, v j ü d i s c h e n W e 1 I h e r rschaft. Fr schiebt die Ungelöslheit der shswischen Frage auf die Stärke dieser „jüdischen Idee in der Welt", er ist bereit zu glauben, daß Lord Beaconslield vielleicht selbst seine Herkunft von einstmals spanischen Juden vergessen hal, daß er aber im letzten Jahre (d. h. vor der Niederschrift, des Doslojewskisc.hen Manuskripts) die englische ..konservative" Politik teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet hat. Einige Soilen weiter erklärt er den jüdischen ..Status in statu" wieder aus ..noch inneren und geheimem Gesetzen", die diese Idee lebendig erhallen. Wieder ein Stück weiter findet sich dann der kuriose Satz: ..Ich spreche doch nur im Allgemeinen vom Judentum und der jüdischen Idee, die diie ganze Welt ergreifen an Slelle. des ,mißlungenen Christentums'." (Hätte Dostojewski einige Jahrzehnte später gelebt, boshafte Menschen hätten bestimmt diesen Salz auf dien berühmten Ausspruch Freuds über die Inflation der Liebe im Christentum bezogen.) Ziemlich gegen Ende vermutet Dostojewski wieder irgend ein viel tieferes Geheimnis" der jüdischen Gesetze und des jüdischen Wesens. -- Steckt nicht hinter diesen unklaren und unsicheren Ausdrücken beinahe dieselbe mystische Angst, wie sie LudendorfT und seine Anhänger vor der angeblichen Weltmacht" der Juden und Freimaurer und ihren ..geheimen Zielen" befällt? In der Tat, diese Formulierungen Dostojewskis riechen ein wenig nach den ..Winsen von Ziori", mit denen man die kleinbürgerlichen Schlafmützen Zentraleuropas so lange weiße. Mäuse" sehen lehrte, bis Hitler schließlich diese Tiere in den