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Menorah · 1931-09-01 · Heft 9-10 (September 1931) · p. 464

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Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 9-10 (September 1931)
Article
Dostojewski und die Judenfrage
Date
1931-09-01
Page
464 (sequence 1)
Language
German
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DOSTOJEWSKI UND DIE JUDENFRAGE Ein Beitrag zum Problem des Antisemitismus Von Ewald Böhm Angeregt durch die vorwurfsvollen und geistreichen Briefe eines vom Ghetto emanzipierten, aber warmherzig für seine unterdrückten Glaubensgenossen kämpfenden Juden, des Journalisten A. Kowner, bat sich Fjodor Dostojewski einmal veranlaßt gesellen, seine gelegentlich über das Judentum gemachten Äußerungen in einem zusammenhängenden Traktat auseinanderzusetzen. Dies ist geschehen in einer Aufsatzfolge, die Dostojewski in seiner periodischen Veröffentlichung „Tagebuch eines Schriftstellers" erscheinen ließ und die dort im März 1877 unter dem TiteL „Die Judenfrage" publiziert, wurde. Die Einstellung Dostojewskis zum Judentum zeigt eine gewisse Ambivalenz zwischen Achtung und Mitleid einerseits, und unbegründeten Vorurteilen andererseits, die eine kriliscbe Untersuchung hinsichtlich ihrer Stichhaltigkeit und psychologischen Motive lohnend erscheinen lassen. In einigen Punkten kann man Dostojewski sogar beipflichten, so wenn er den Rationalismus in dem „Aufklaricht" jenes jüdischen Schriftstieliers zurückweist, den wir heute längst als eine Begleiterscheinung der ersten frischen Zugluft der Emanzipation erkannt und überwunden haben. Wenn Dostojewski ferner vorbringt, auch die Juden sonderten sich von den Russen mit einem gewissicn Hochmut ab, sie selbst zögen die Unterdrückung der russischen Unterschichten bei der Erörterung des ganzen Problems nicht genügend in Betracht, so werden wir ihm für die damalige Situation nicht ganz unrecht geben können. Schließlich ist es auch durchaus nicht unsympathisch, daß Dostojewski dem rein materialistischen Gedanken Kowners, das Judentum habe sich lediglich durch seine Selbsterhaltungstriebe und infolge seiner Verfolgungen durch andere Völker vier Jahrtausende hindurch erhalten, die These der geineinschaf'terhaltenden religiösen Idee gegenübergestellt hat. (Daß Dostojewski diesen Gedanken mit einer hypothetischen Erwähnung der unsinnigen Idee der jüdischen Bevorzugung des Handels verknüpft, steht freilieh auf einem anderen Blatt.) Wenn wir auch aus den Zeilen Dostojewskis immer wieder jene gläserne Wand des gegenseitigen Mißverständnisses aufragen sehen, so versöhnt doch schließlich seine Anerkennung jener ,,tapferen und guten Israeliten", die ..sich nach der Beseitigung der Mißverständnisse sehnen1', so versöhnt der wahrhaft christliche Geist, in dem er sieh trotz seiner angeblichen ^Bedenken" für die Gleichberechtigung der Juden ei n setzt. Der größere Teil von Dostojewskis ..Judenfrage" besieht allerdings aus mehr oder weniger alVekliv -hervorgebrachten Vorwürfen, von denen einige dem ältesten Arsenal antisemitischer KampfeswafVcn entstammen. Sämtliche methodischen Fehler, die wir aus den theoretischen Arbeilen unserer Gegner schon so gut kennen, hier werden sie gemacht. Es beginnt bei der feldenden Quellenkritik, und es ist beinahe erstaunlich, wie sich ein Mann vom Format eines Dostojewski immer wieder auf die Berichte der Zeitungen beruft. Daneben hndet sich das berühmte Messen mit zweierlei Maß. Derselbe Dostojewski, der soeben einen aufklärerischen russischen Juden mit Recht auf die kulturelle Bedeutung der religiösen Idee hingewiesen hat, beklagt sich mit bitteren Worten über die Ausbreitung des europäischen Materialismus und seine Unbarmherzigkeit, und macht die Juden dafür verantwortlich. Warum siebt er nicht h i e r die Ursache in der Verflüchtigung der religiösen Idee? Mit Emphase klagt er an: ..Der Materialismus triumphiert. Die blinde gefräßige Begierde nach per s ö nl i e h e r materieller Versorgung, die Gier nach persön-

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