Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Die Wöchnerin
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 462 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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462 MENORAH ganz plötzlich war sie so müde geworden. Sie öffnete den Mund, um noch etwas hinzuzufügen, schloß ihn aber wieder ohne einen Laut. Irgendwo hörte sie eine Türe zuschlagen und das Echo vervielfältigte sieh in ihrem Bewußtsein. Ein Irrtum? Ihre Freude steigerte sich zur Hysterie. Sie dachten nicht einmal daran, der Schwester Vorwürfe zu machen wegen all des Kummers, der Angst, die sie durch ihren Irrtum erlitten hatten. Wer hätte auch an einen Irrtum denken können! Plötzlich erstarb das Lachen auf ihren Lippen, die Freude in ihrem Herzen. Sie konnten es doch nicht glauben. Wie konnte ein solcher Irrtum entstehen? Die Schwester wollte sie gewiß nur beruhigen, wollte sie loswerden. So leicht ließ sich der (iedanke an den Tod. der sich in ihnen festgewurzelt hatte, nicht mehr vertreiben. Sie wollten sie sehen. Sie wollten und mußten sie selbst sehen. Die Schwester lehnte energisch ah. Es sei viel zu spät. Die Kesuchstunden seien längst vorüber. Morgen nachmittag, zur festgesetzten Stunde, konnten sie sich alle selbst überzeugen. 'Morgen! Das war ja eine Ewigkeil? Wie konnten sie bis morgen warten? Und woher wußten sie, daß die Schwester ihnen die Wahrheit sagte? Sie waren schon halb und halb überzeugt, daß sie log. Wenn die Muller wirklich lebte, warum ließ sie die Kinder nicht hinein? Sie wurden so .stürmisch, daß die Schwester sich nicht mehr zu helfen wußte. Wieder hörte sie die lerne Türe zuschlagen, und der Widerhall schmerzte sie im Kopf, wie hei Fieber. Sie wurde von einer unerklärlichen Angst befallen und blickte verstört und hastig hinler sich. Alles war leer. Wieder wurde sie bedrängt. Wie! In solch einem Falle sich an die dürren Hegeln halten? Sie mußten und mußten die Mutter sehen -■ koste es, was es wolle. Sie gab nach: ,Gut, Ihr könnt hineingehen aber nur einen Augenblick. Wirklich nur einen Augenblick. Es ist spät das dürft Ihr nicht vergessen.' Sie hörte ihre eigene Stimme wie die einer Fremden und dachte sich: .Wie rauh meine Stimme klingt — das wußte ich gar nicht.' Sie nickten alle eifrig, ohne recht zu wissen, was sie versprachen. Hasch stellte sie einen Passierschein für sie aus. Alle Hände streckten sich gierig danach. Da tat ihr jemand so furchtbar leid - so herzlich, so innig leid - aber sie wußte nicht recht, wer es war. JLJer Wöchnerinnensaal war im Kellergeschoß. Das Licht war schon abgedreht, bis auf die Nachtlampen, und die Nachtschwestern